April 2019: Woran die Stiftung Neue Verantwortung aktuell arbeitet

April 2019: Woran die Stiftung Neue Verantwortung aktuell arbeitet

11. April 2019

Woran wir gerade arbeiten

 

In vielen Gesellschaftsbereichen werden heute algorithmische Systeme eingesetzt, zum Beispiel in der Polizeiarbeit, dem Gesundheitswesen oder in Personalentscheidungen. In vielen Fällen sind diese Prozesse für Bürger:innen, Patient:innen oder Bewerber:innen aber intransparent und nicht nachvollziehbar. Leonie Beining, die Anfang April aus der Elternzeit zurückgekehrt ist, wird sich in den kommenden Monaten mit der Frage beschäftigen, wie Nutzer:innen und Betroffene besser über den Einsatz und die Funktionsweise solcher algorithmischen Systeme aufgeklärt werden können.
▬▬▬▬▬
In der Debatte um Huawei und den 5G-Ausbau hat die Bundesnetzagentur nun Anforderungen an Telekommunikationsanbieter gestellt. "Kritische Kernkomponenten" sollen nur noch von "vertrauenswürdigen Herstellern" bezogen werden. Jan-Peter Kleinhans recherchiert, inwiefern solche kleinteiligen, nationalen Anforderungen die Lieferketten in der Informations- und Telekommunikationstechnik verändern werden. Ausgelöst durch die Debatte um 5G-Sicherheit beschäftigt er sich außerdem mit der Frage, ob die IT-Sicherheit komplexer Mobilfunknetze tatsächlich durch Zertifizierung gewährleistet werden kann.
▬▬▬▬▬
Für Sexismus im politischen Betrieb gibt es leider auch in Deutschland zahlreiche individuelle und strukturelle Beispiele. Die deutsche Digitalpolitik ist im Vergleich zu anderen Ressorts noch sehr jung und findet erst ihre Struktur. Das bietet die Möglichkeit, Geschlechtergleichheit direkt mitzudenken und mehr weibliche Talente für den Staatsdienst zu gewinnen. Der Blick auf die Organigramme der Bundesministerien zeigt aber: Auch 2019 sind Frauen in denjenigen Referaten, die sich mit Digitalisierungspolitik befassen, stark unterrepräsentiert. Anna Wohlfarth und Johanna Famulok analysieren, warum in der deutschen Digitalpolitik so wenig weibliche Führungskräfte vertreten sind und arbeiten an konstruktiven Ideen, wie sich mehr Positionen weiblich besetzen ließen.

 

Was wir gerade mit Interesse lesen

Dieser Artikel beschreibt, wie viele Daten Nachrichtendienste wie NSA und GHCQ bereits heute über menschliche Stimmen erheben: Sie können nicht nur feststellen, wer in einem abgehörten Telefonat spricht, sondern auch in welcher Sprache, mit welchem Dialekt und ob dabei bestimmte Stichwörter fallen. Auch die Daten kommerzieller Anbieter von Sprachsteuerung wie Google oder Apple können potentiell erfasst und ausgewertet werden. Der Artikel bezieht sich zwar auf die technischen und rechtlichen Möglichkeiten der USA, aber insbesondere vor dem Hintergrund des diese Woche geleakten Gesetzentwurf des BMI mit neuen Genehmigungsverfahren zur Wohnraumüberwachung durch Verfassungsschutz und Nachrichtendienste erhalten die Schilderungen hierzulande Aktualität. Gelesen von Thorsten Wetzling.
▬▬▬▬▬
Wenn in Europa über Künstliche Intelligenz gesprochen wird, ist meist die Forderung nach "ethischer KI" nicht weit. Erst diese Woche erschienen zum Beispiel die "Ethics guidelines for trustworthy AI" der Europäischen Kommission, in denen Leitlinien für die Entwicklung solcher "ethischen KI" formuliert werden. Annette Zimmermann und Bendert Zevenbergen kritisieren in ihrem Blogbeitrag, dass so aber der zweite Schritt vor dem ersten gemacht werde: Denn oft kennzeichneten falsche Annahmen oder Vereinfachungen des Ethik-Begriffs diese Debatte. Dadurch werde die sinnvolle Auseinandersetzung mit "ethischer KI" von Vornherein ausgeschlossen und so tatsächliche Fortschritte bei der Entwicklung gesellschaftlich verträglicher algorithmischer Systeme verhindert. Gelesen von Leonie Beining.
▬▬▬▬▬
Neben staatlichen Stellen sind Unternehmen die Hauptziele von Cyberangriffen. Viele dieser Einrichtungen sind aber nur unzureichend gegen Angreifer geschützt und im Ernstfall schlecht vorbereitet. Wie man es als Unternehmen richtig machen kann, zeigte Norsk Hydro, ein internationales Unternehmen mit über 35.000 Mitarbeiter:innen, deren Umgang mit einem Ransomware-Angriff in diesem Artikel beschrieben wird. Besonders die gute Kommunikation nach außen und die Transparenz im Umgang mit dem Angriff sind bemerkenswert. Gelesen von Sven Herpig.
▬▬▬▬▬
Die Marktmacht chinesischer IT-Unternehmen wie Huawei sorgt in Europa und den USA derzeit für viel Unsicherheit. In diesem Interview beschreibt der Ökonom Dieter Ernst, in welchen Bereichen der Informations- und Kommunikationstechnik China tatsächlich am Thron der USA kratzt und welche Technologie-Märkte zukünftig von China beherrscht werden könnten. Das Interview ist auch deshalb lesenswert, da Ernst deutlich macht, dass uns Debatten und Unsicherheiten, wie wir sie jetzt mit 5G erleben, in Zukunft in vielen weiteren Bereichen der IKT bevorstehen. Gelesen von Jan-Peter Kleinhans.
▬▬▬▬▬
Derzeit wird viel über den Einsatz und die potentielle Regulierung von Künstlicher Intelligenz gesprochen. Oftmals mangelt es bei den Debatten und der journalistischen Berichterstattung aber an Verständnis für die zugrundeliegenden Technologien. Sehr gut erklärt wird die Mathematik, auf der Neuronale Netze basieren, auf dem YouTube-Kanal "3Blue1Brown". Interessant ist daran auch, an wie vielen Stellen Machine Learning von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns inspiriert ist. Angesehen von Philippe Lorenz.
▬▬▬▬▬
Um herauszufinden, welcher Staat oder welche kriminelle Gruppe für einen Cyberangriff verantwortlich ist, arbeiten Behörden und Nachrichtendienste immer häufiger mit privaten IT-Sicherheitsfirmen zusammen – insbesondere in den USA. Ein US-Think Tank hat in einem Papier nun erstmals das Zuammenspiel zwischen staatlichen Behörden und dem Privatsektor bei der Attribution von Angriffen genauer untersucht und beschrieben. Die Analyse zeigt unter anderem, dass die Fähigkeiten und das Wissen privater IT-Sicherheitsfirmen für die US-Regierung immer wichtiger werden. Gelesen von Julia Schuetze.
▬▬▬▬▬
Künstliche Intelligenz ist noch weit davon entfernt, die Komplexität menschlicher Intelligenz in Gänze abzubilden. Allerdings gibt es bereits heute einzelne, hochspezialisierte Aufgaben, in denen Algorithmen oder Künstliche Neuronale Netze Menschen überlegen sind. In der öffentlichen Wahrnehmung sind solche Erfolge oft der Ausgangspunkt für dystopische Zukunftsszenarien. Es gibt aber sehr positive Beispiele für den Einsatz von KI: In diesem Artikel wird erklärt, wie ein Neuronales Netz Planeten außerhalb unseres Sonnensystems zuverlässiger als Astronom:innen auffindet. Das ist nicht nur ein interessantes Beispiel dafür, dass KI in der Gesellschaft künftig spezielle Aufgaben erfüllen kann, die zuvor von Menschen ausgeübt wurden, sondern darin auch noch erfolgreicher ist als die menschlichen Expert:innen. Gelesen von Kate Saslow.
▬▬▬▬▬

Was der Europäischen Union zu einer lebendigen Demokratie noch immer fehlt, ist eine gemeinsame, europäische Öffentlichkeit. In seinem Buch konzipiert Johannes Hillje deshalb eine "Plattform Europa" – ein gemeinwohlorientiertes soziales Netzwerk. Zum Beispiel stellt Hillje sich vor, das dort auch Inhalte des europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks zur Verfügung gestellt werden. Hillje entwirft damit einen interessanten Lösungsansatz, um die öffentliche Kommunikation im Netz nicht nur den gewinnorientierten Plattformen, Fake News und Trollen zu überlassen. Gelesen von Alexander Sängerlaub.

 

Deep Dive: Leseliste zur Digitalisierung der Energiewende

Die drei Megatrends Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung verändern das Energiesystem. Neue Technologien wie Machine Learning, immer günstigere Sensorik oder Blockchain machen neue Geschäftsmodelle und Marktkonstellationen möglich, die die Karten in der Energiewirtschaft neu mischen werden.

Damit der Einstieg in die komplexe Thematik leichter fällt, haben Fabian Reetz und Tim Sternkopf eine Leseliste mit einigen Grundlagen, Meinungen und Ausblicken in die digitale Zukunft der Energiewende zusammengestellt. 

  • Das Glossar von Nextkraftwerke bietet einen hervorragenden Überblick der Fachtermini aus der Energiewirtschaft und erklärt wichtige Zusammenhänge.

  • Grundlage für die Digitalisierung der Energiewende in Deutschland ist das Messstellenbetriebsgesetz. Welche inhaltliche Strategie sich daraus von staatlicher Seite ergibt, skizziert das Bundeswirtschaftministerium zusammen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in der Standardisierungsstrategie zur sektorübergreifenden Digitalisierung

  • Das Clean Energy for all Europeans Package der Europäischen Union wird unsere energiepolitische Realität in den nächsten Jahren stark prägen und verspricht unter anderem eine Stärkung der Prosumer als aktive Marktteilnehmer:innen. 

  • Die britische Regulierungsbehörde Ofgem liefert mit ihrer Future Insights Series einen progressiven und innovativen Regulierungsansatz, die unter anderem Verbraucher:innen ins Zentrum der Betrachtung rückt.

  • In einem Stakeholder-Dialog hat die Deutsche Energieagentur dena die wichtigsten Thesen zum digitalen Wandel aus Sicht der deutschen Energiewirtschaft zusammengetragen: 15 Thesen auf dem Weg in eine digitale Energiewelt

  • Die Hype-Technologie Blockchain ist auch aus der energiewirtschaftlichen Debatte nicht mehr wegzudenken. Über die technischen Grundlagen sowie die vielversprechendsten Anwendungsbereiche der Blockchain-Technologie gibt die BDEW-Studie Blockchain in der Energiewirtschaft einen guten Überblick. 

  • Mit der Studie Utility of the future analysiert das renommierte MIT die regulatorischen Anforderungen an neue Energiesysteme.

  • Michael Liebreich, Gründer der auf Energiewirtschaft spezialisierten Analysefirma Bloomberg New Energy Finance, beschreibt in seinem Gastbeitrag "Six Design Principles for the Power Markets of the Future – A Personal View" die Grundsatzfragen einer zukünftigen Energiewirtschaft und Marktordnung. 

  • Der Blog Energy Democracy von Holger Schneidewindt betrachtet die digitale Energiewende vor allem aus Verbraucher:innensicht und gibt Einblicke in die energiepolitischen Entwicklungen in Brüssel. 

  • Auf seinem Blog enerquire beschäftigt sich Marius Buchmann damit, wie die Digitalisierung die Energieversorgung verändern könnte und welche Rolle die Regulierung dabei spielt. 

  • Für die schnelle Wissensaufnahme unterwegs empfehlen wir die englischsprachigen Podcasts The Interchange und The Energy Gang. Hier werden aktuelle Technologieentwicklungen im Energiebereich analysiert, US-amerikanische und globale Politikereignisse diskutiert und deren wirtschaftliche und ökologische Auswirkungen eingeschätzt.

 

Überblick: Aktuelle Veröffentlichungen und Medienbeiträge

Der blinde Fleck digitaler Öffentlichkeiten (Papier): Dass demokratische Öffentlichkeiten sich selbst beobachten können, ist Teil ihres Grundprinzips. Doch Soziale Netzwerke sperren Journalismus und Wissenschaft zunehmend davon aus, indem sie den Zugriff auf wichtige öffentliche Daten verhindern. Das betrifft auch Untersuchungen zu Desinformationskampagnen zur Europawahl. Alexander Sängerlaub beschreibt in diesem Papier detailliert, auf welche Daten der Zugriff ermöglicht werden sollte und wie diese der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden könnten.
▬▬▬▬▬
Blockchain & das Klima – Warum die nationale Blockchain-Strategie Innovations- und Klimapolitik zusammenbringen sollte (Papier): Einige Blockchain-Technologien – darunter Bitcoin oder Ethereum – benötigen enorme Mengen an Energie und belasten damit die weltweiten Bemühungen zur Emissionsminderung. Allein der Stromverbrauch von Bitcoin ist vergleichbar mit dem Energiebedarf Dänemarks. In seinem Papier macht Fabian Reetz konkrete Vorschläge, wie Deutschlands Blockchain-Strategie Innovationsförderung und Klimapolitik verbinden kann.
▬▬▬▬▬
Wettbewerb um Daten (Impulspapier): Derzeit wird in Europa viel über das Potenzial sogenannter Datenpools diskutiert, die das Teilen und Nutzen von Daten über Unternehmens- und Organisationsgrenzen hinweg ermöglichen sollen. Stefan Heumann und Nicola Jentzsch haben für dieses Impulspapier Deutschlands Landschaft an Datenpools kartographiert und daraus zentrale Herausforderungen und Handlungsempfehlungen für die Politik abgeleitet.
▬▬▬▬▬
Cybersicherheitspolitik in Deutschland. Akteure, Aufgaben und Zuständigkeiten (Übersicht):
In diesem aktuellen Update des Überblicks über die deutsche Cyber-Sicherheitsarchitektur haben Sven Herpig und Clara Bredenbrock einen inhaltlichen Fokus auf die Rolle des "Cyber-Abwehrzentrums" gelegt. Vergangene Woche konnten wir dessen Leiter, Manuel Bach, zum Hintergrundgespräch begrüßen. Ein Audiomitschnitt der Veranstaltung erscheint in den nächsten Wochen.
▬▬▬▬▬
Massenüberwachung bändigen. Gute Rechtsnormen und innovative Kontrollpraxis im internationalen Vergleich (Kompendium): In dieser umfangreichen Studie zeigen Thorsten Wetzling und Kilian Vieth anhand 52 internationaler Beispiele, wie die Praxis der massenhaften Kommunikationsüberwachung in Deutschland rechtsstaatlich besser eingehegt und die Kontrollpraxis durch den Einsatz innovativer Technologien verbessert werden könnte. Die Studie wurde von der Heinrich-Böll-Stiftung in Auftrag gegeben und ist auch auf Englisch verfügbar.
▬▬▬▬▬
Das ignorierte Risiko des "Daten-für-alle-Gesetzes" (Gastbeitrag bei Tagesspiegel Causa): Mit Daten-für-alle will die SPD eine Antwort auf die Marktdominanz der US-Plattformen liefern – und könnte damit genau denen schaden, die in Europa innovative Geschäftsmodelle entwickeln, argumentiert Stefan Heumann in seinem Gastbeitrag für Tagesspiegel Causa.
▬▬▬▬▬
Sachverständigen-Statements in Anhörungen des Bundestags: Gleich drei unserer Expert:innen waren in den vergangenen Wochen zu öffentlichen Anhörungen im Bundestag als Sachverständige geladen: Alexander Sängerlaub war gestern in der Anhörung des Ausschusses Digitale Agenda, um über die “Resilienz von Demokratien im digitalen Zeitalter im Kontext der Europawahl” zu sprechen. Zu Beginn der Woche war Sven Herpig im Ausschuss für Inneres und Heimat zum Thema "IT-Sicherheit" geladen. Jan-Peter Kleinhans sprach Mitte März im Auswärtigen Ausschuss zum Thema "Außen- und sicherheitspolitische Aspekte der Einführung des Mobilfunkstandards 5G in Deutschland".

 

Woran wir uns nicht mehr erinnern

1906 – Der niederländische Arzt Willem Einthoven war nicht nur der Erfinder des Elektrokardiogramms, mit dem Herztöne sichtbar gemacht und aufgezeichnet werden konnten. Er entwickelte auch das Tele-EKG, mit dem er es bereits 1906 schafft, die Herzfrequenz eines Patienten aus dem Krankenhaus per Telegrafenleitung direkt in sein Labor zu senden. Erinnert sich Johanna Famulok.