Die Energiewende braucht ein digitales Marktdesign

Impulse

Executive Summary

Durch den immer weiter steigenden Anteil an Erneuerbaren Energien explodieren die Systemkosten. Für private Haushalte ist der Strompreis in den letzten 10 Jahren um fast 50% Prozent gestiegen. Die Akzeptanz von BürgerInnen und Bürgern für die Energiewende schwindet damit zusehends und Unternehmen klagen über schlechte Wettbewerbsbedingungen durch hohe Stromkosten.

Jedes weitere Prozent an Erneuerbaren im Strommix erzeugt höhere Kosten als das vorhergehende. Die Ursachen dafür liegen in der grundlegenden Struktur unseres heutigen Energiemarkts, dessen Regulierung, Gesetze und Preisbildungsmechanismen aus einer Zeit fossiler Energieträger und einer zentralen Energieerzeugung stammen. Dieses System erschwert langfristig eine 100 Prozent CO2-neutrale Energieversorgung und erhöht die Kosten für Wirtschaft und Verbraucher.

Das bestehende Energiemarktdesign wird mit Reformen und Zusätzen wie dem EEG nur ausgebessert und repariert, was dazu führt, dass das Konstrukt unnötig komplex und hoch sensibel geworden ist. Grundlegende Änderungen oder Alternativen werden kaum in Erwägung gezogen, weil die heutigen zentralen Akteure wie Übertragungsnetzbetreiber, Strombörse oder Energieversorger an Einfluss verlieren würden. Dies ist kurzfristig aus den Perspektiven der verschiedenden Akteure nachvollziehbar, führt aber langfristig für alle in eine Sackgasse. Die Entwicklung von realisierbaren Ideen, wie unser Energiemarkt grundlegend auf Erneuerbaren aufgebaut werden kann, wird damit zu einer zentralen Herausforderung heutiger Energiepolitik.

Um wirksame Vorschläge für die Modernisierung des Energiemarkts zu entwickeln, sollte sich die Energiepolitik auf strategischer Ebene intensiver mit der Digitalisierung beschäftigen. Bisher wird dies zu instrumentell gedacht, wie der umstrittene Smart Meter Roll-Out zeigt. Dabei hat die Digitalisierung mittlerweile ein technologisches Umfeld geschaffen, das einen Beitrag zur Lösung grundlegender Probleme im Energiesektor leisten kann. Diese Möglichkeiten sollten Politik, Regulierung und ExpertInnen stärker in Erwägung ziehen, um zukünftigen Reformen mehr Wirkung zu verleihen. Im Rahmen einer Workshopreihe mit verschiedenen ExpertInnen aus der Energiewirtschaft wurden beispielhaft drei Bereiche identifiziert:

1. Stärkere Partizipation der Verbraucher

Prosumer sind zukünftig nicht nur Besitzer von PV-Anlagen mit einem Smart Meter, sondern ebenso aktive Player auf Großhandelsplätzen wie Versorger. Möglich macht dies der kostengünstige und allgegenwärtige Zugang zu Mess- und Steuertechnik. Algorithmen und künstliche Intelligenz as a Service helfen, individuellen Präferenzen im Markt abzubilden und ohne Mittelsmann an verschiedenen Märkten zu partizipieren. Die Politik muss dazu allerdings den Marktzugang für Kleinstakteure deutlich vereinfachen. 

2. Handel und Physik rücken zusammen

Durch schnelleren Handel und Prozesse im gesamten Energiesystem können physikalische Vorgänge besser abgebildet werden. Dies wird durch einen sehr viel höheren Grad an Automatisierung und das Verschmelzen von Handelsplätzen möglich. Immer kürzere Handelseinheiten (von Stunden zu Sekunden zu Millisekunden) nähern sich einem Leistungshandel in Echtzeit an. Nachträgliche Ausgleichsmaßnahmen sowie deren Kosten werden massiv reduziert, oder sogar überflüssig gemacht. 

3. Räumliche Allokation

Effiziente Preisbildung enthält in einem CO2-neutralen Energiesystem auch eine räumliche Allokation, die der dezentralen Natur von Erneuerbaren Rechnung trägt. Marktlich organisiert und gestützt durch Echtzeitdaten von Netzbetriebsmitteln ist die räumliche Allokation integraler Bestandteil des zukünftigen Energiehandels. Netzengpässe müssen so zukünftig nicht durch Redispatch oder Einspeisemanagement behoben werden, sondern die dafür verantwortlichen Lieferbeziehungen werden von vornherein vermieden. Ein erster politischer Schritt in diese Richtung ist der Abschied von der Illusion der Kupferplatte, einem engpassfreien Netz.

12. April 2017
Autoren: 

Fabian Reetz
Philippe Lorenz

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