ForesightLab – ein Blick durchs Schlüsselloch

ForesightLab – ein Blick durchs Schlüsselloch

Workshop

Basierend auf den im ersten Workshop als strategisch wichtig identifizierten Fragen für die Mikroebene (Arbeitsplatz) und die Makroebene (Arbeitsmarkt) wurden im zweiten Workshop am 24. Juni die von den Kooperationspartnern, stiftung neue verantwortung und Bertelsmann Stiftung, vorbereiteten Rumpfszenarien für die Makroebene mit Leben gefüllt.

Am Ende des Tages blieben sechs Arbeitsmarktszenarien übrig, die wie folgt grob zusammengefasst werden können:

Ingenieursnation mit Herzchen

Im ersten Szenario verfügt Deutschland noch über Pilot-Fabriken in der Heimat – die eigentliche Produktion ist jedoch ins Ausland verlagert. Der deutsche Arbeitsmarkt ist hochgradig polarisiert zwischen einer kleinen Elite an Wissensarbeitern und den „Abgehängten“. Die soziale Flankierung des wirtschaftlichen Erfolgs ist abgesichert durch Zugeständnisse in Form eines garantierten Grundeinkommens.

Silicon Countryside mit sozialen Konflikten

Im zweiten Szenario ist die digitale Infrastruktur Deutschlands hochgradig performant. Treiber ist der Banken- und Versicherungssektor. Big-Data wird für jene Sektoren zur Schlüsseltechnologie. Jedoch vollzieht sich die gewonnene Wettbewerbsfähigkeit nicht in der Fläche. Es gibt wenig hochqualifizierte dafür viele geringqualifizierte Arbeitskräfte. Es bilden sich analoge Milieus. Die Arbeitsverhältnisse werden insgesamt ein wenig flexibler. Es herrscht jedoch ein Mangel an „digitalen“ Fachkräften. Das Sozialversicherungssystem droht zu kollabieren.

Digitale Schweiz mit sozialem Schönheitsfehler

Im dritten Szenario hat sich der Glasfaserausbau flächendeckend vollzogen. Das Internet of things mit smart grids und autonomen Autos wird zur Realität. Die Automobilbranche, der Handel und der Chemiesektor stemmen erfolgreich die Herausforderungen der Digitalisierung. Deutschlands Produktion beschränkt sich auf langfristige Investitionsgüter. Es herrscht Fachkräftemangel. Der Staat reagiert darauf mit einer digitalen Grundausbildung seiner Bürger.

Digitale Hochburg mit abgehängtem Umland

Das vierte Szenario beschreibt einen Arbeitsmarkt der auf bestimmte Monopolregionen beschränkt ist, Tech-Talente anzieht und unqualifizierte Menschen in den restlichen Regionen zurücklässt. Die deutsche Produktion hat ihren Vorreiterstatus verloren. Fortbildung vollzieht sich ausschließlich im Privatsektor. Die Arbeitsverhältnisse, wenn wie in den urbanen Metropolregionen vorhanden, ändern sich kaum. Es kommen ein paar feste Freie hinzu, sonst aber bleibt alles eher wie gehabt. Dem Staat gelingt es nicht, die Digitalisierung politisch zu gestalten.

Digitale Evolution im föderalen Wettbewerb

Im fünften Szenario kommt es zu einer räumlichen Polarisierung zwischen den Bundesländern. Sie geht von der Politik aus und ist geprägt durch den föderalen Wettbewerb. Lediglich einzelne Bundesländer treiben die digitalen Ökonomien erfolgreich voran. Die Länderpolarisierung wird wichtiger als die heutige Parteienpolarisierung. Das solidarische Modell der Sozialversicherung gerät in die Krise. Organisationsformen in den Unternehmen wandeln sich kaum, aber es gibt viele freie Mitarbeiter. Nur vereinzelt verfügt Deutschland noch über sogenannte „hidden Champions“ – weltweit führende Unternehmen.

Digitales Scheitern

Die Bedeutung der Digitalisierung für die deutschen Wirtschaft wird nicht erkannt und kommt daher kaum voran. Der Glasfasernetzausbau stagniert. Deutschland verspielt seine Kompetenz in der Entwicklung neuer, digitaler Technologien und kommt nicht über die Rolle des „Anwenders“ hinaus. Das Land erlebt eine Renaissance des Analogen. Der Arbeitsmarkt ist gekennzeichnet durch Normalarbeitsverhältnisse und Mitarbeiter in flexiblen Projektorganisationen mit zunehmend niedrigen Einkommen. Das Sozialsystem bricht zusammen, nachdem zunächst in einer Übergansphase die Staatsverschuldung massiv angestiegen ist.

Ziel des ForesightLabs ist es, möglichst realistische Szenarien für den Arbeitsmarkt 2030 zu identifizieren, die im Zusammenhang mit dem Megatrend Digitalisierung stehen. Das Thema findet breite gesellschaftspolitische Beachtung. Es fehlt aber nach wie vor an tiefergehenden Analysen.  Daher besteht die 20-köpfige Arbeitsgruppe aus einer intersektoralen Mischung von Experten der Arbeitsmarkt-, Beschäftigungs- und Sozialpolitik und sogenannten Digitalisierungsexperten.

Nächster Termin:

10. September, 2015 - Transformationsworkshop 

Mit: 

Dr. Johannes Gabriel (Foresight Intelligence)
Dr. Stefan Heumann (stiftung neue verantwortung)
Dr. Juliane Landmann (Bertelsmann Stiftung, Projektleitung „ForesightLab: Auswirkungen der Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt 2030“)

Datum: 
24.06.2015 Uhr (Ganztägig)
Ort: 
stiftung neue verantwortung
Berliner Freiheit 2
10785 Berlin
Deutschland