Welche Chancen ein digitales Energie - Marktdesign bietet

Impulse

Die Digitalisierung, die in den letzten Jahren bereits viele Branchen grundlegend verändert hat, hat in der Energiewirtschaft gerade erst begonnen. In manchen Teilbereichen, wie dem Handel an der Strombörse EPEX, ist das schon spürbar. Hier wurde vor ein paar Tagen schon der erste Vertrag mit der Kryptografie-Technologie Blockchain geschlossen. Von dieser digitalen Transformation könnte erstens das politische und gesellschaftliches Projekt der Energiewende profitieren. Die Digitalisierung im Strommarkt generiert eine nie dagewesene Menge von hochaufgelösten und aktuellen Daten, die eine auf volatiler Einspeisung aus Windrädern und Solaranlagen basierende Energiewelt dringend braucht, um Schwankungen auszugleichen und sich zu organisieren. Gleichzeitig fallen die durch die Datenerhebung entstehenden Technologie- und Transaktionskosten. Dadurch könnten zum einen vielfältige Kosten für den Infrastrukturbetrieb direkt und verursachergerecht, statt wie bisher über Wälzungsmechanismen oder andere Work-Arounds verteilt werden. Zum anderen könnten kleine Akteure aktiv ins energiewirtschaftliche Geschehen eingebunden werden, für die sich das bis dato nicht lohnte – allen voran Prosumer. Hilfestellung können hierbei digitale Services leisten, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und einprogrammiertem Know-How über die Regeln der Energiewirtschaft ein persönliches Energie-Portfolio bewirtschaften.

Zweitens bietet die Digitalisierung im Energiebereich ein neues Feld für die Wirtschaftspolitik. Viele Innovationen in der Energiewirtschaft – ob Hardware, Service oder digitale Anwendung – finden bisher nur vereinzelt im liberalisierten Teil der Energiewirtschaft statt. Ihr volles Potenzial können diese neuen Geschäftsmodelle und Technologien jedoch nur dann entwickeln, wenn Sie mit Netzwerkeffekten und Ökosystemen auch in regulierten Bereichen agieren dürften. Durch Digitalisierung und technologischen Wandel sind längst Möglichkeiten vorhanden, auch Aufgaben wettbewerblich zu gestalten, die heute noch der Regulierungen unterliegen – weit abseits von Infrastruktur-Privatisierung. Viele kleine Akteure könnten, zum Beispiel gesteuert durch Algorithmen, dem Netzbetreiber ihre Flexibilität zur Steuerung des Stromnetzes zur Verfügung stellen. Durch solche neuen Märkte ( zum Beispiel für Blindleistung, Flexibilitäten, oder Systemdienstleistungen) können bisherige Kostentreiber im Energiesystem zu Effizienztreibern werden. Die Energiewende könnte damit auch in der Version 2.0 wieder zum Exportschlager werden.

Trotz der enormen Potenziale für den Klimaschutz und für die Stärkung der Energiewirtschaft können wir bisher kaum von der Digitalisierung profitieren. Das derzeitige Marktdesign beschränkt digitale Innovationen auf die deregulierten Bereiche und setzt kaum Anreize für klimapolitisch sinnvolles Verhalten. Die Politik sollte hier dringend strategische Weichenstellungen vornehmen, um bei der Digitalisierung im Energiebereich nicht den Anschluss zu verlieren.

Erstens wäre es dafür notwendig, Teilbereiche des aktuellen Marktdesigns zu liberalisieren, also wettbewerblich zu gestalten, die heute allein durch Netzbetreiber organisiert werden. So könnten zum Beispiel beim Netzmanagement auch andere Akteure zum Zuge kommen, die ihre Flexibilitäten auf dafür vorgesehenen Märkten anbieten. Eine auslastungsabhängige Preiskomponente für die Nutzung des Netzes könnte außerdem helfen, einen Anreiz für systemdienliches Verhalten zu schaffen und Kosten verursachergerechter zu verteilen. Ziel sollte es sein, den Strompreis und seine Bestandteile dynamischer zu gestalten und damit eine stärkere Lenkungswirkung und Anreize für Investitionen in innovative Lösungen zu erreichen.

Zweitens sollten sich die Regulierungsbehörden auf neue Aufgaben vorbereiten, die durch die Digitalisierung des Energiesystems auf sie zukommen. Dies betrifft vor allem den Umgang mit und Zugang zu digitalen Daten wie denen der öffentlichen Netzinfrastruktur, die für neue Märkte und Anwendungen notwendig sind. Eine Orientierung an Best Practices aus der Internetwirtschaft kann hierbei helfen, Chancen und Risiken abzuwägen.

Drittens sollten alle regulatorischen Änderungen so gestaltet werden, dass sie Anreize für die Einhaltung der klimapolitischen Ziele setzen. Dies sollte sich als Lenkungsrahmen um eine ansonsten regulatorisch vereinfachte und von freiem Wettbewerb geprägte Energiewirtschaft legen. Eine ambitionierte Bepreisung von CO2 wird derzeit von vielen Seiten diskutiert und erscheint auch in Verbindung mit Digitalisierung und neuen Märkten als geeignetes Instrument.

25. Oktober 2017
Autoren: 

Fabian Reetz, Projektleiter "Digitale Energiewende"

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