Sprachlos in Davos

Medienbeitrag

Die globalen Eliten aus Politik und Wirtschaft müssen endlich miteinander reden – und gemeinsam eine neue Weltfinanzarchitektur erarbeiten.

Den Zustand der Welt zu verbessern – das hatte sich das Weltwirtschaftsforum für sein 40. Treffen in Davos auf die Fahnen geschrieben. Tatsächlich sieht es so aus, dass sich die globalen politischen und ökonomischen Eliten hier zwar versammeln, sie aber kaum miteinander reden, geschweige denn gemeinsame Lösungen erarbeiten. (Zyniker mögen einwenden, dass sich nicht einmal die Kabinettskollegen Brüderle und Guttenberg abstimmen können, doch spielen deren Konflikte in einer anderen Liga.)

Den Ton in diesem Aneinander-vorbei-reden bestimmte der französische Präsident Sarkozy, der in seiner Eröffnungsrede harte Regulierungen für den Bankensektor forderte. Er mag sich durch die Rede zur Lage der Nation seines amerikanischen Kollegen Obama bestärkt oder auch durch innenpolitischen Gegenwind herausgefordert gefühlt haben – die Reaktionen vor Ort zeigten gleichwohl, dass er mit seiner kräftigen Bankenschelte nur die eine, bereits bekehrte Hälfte des Publikums erreichte. Die andere, die Banker und Manager multinationaler Konzerne, konnten seinen Plänen nicht viel abgewinnen. Dabei ist gerade in der fortdauernden Wirtschaftskrise eine enge Zusammenarbeit des Führungspersonals aus Politik und Wirtschaft essenziell, um ihrer globalen Konsequenzen Herr zu werden.

Zunächst einmal verweigern beide Seiten, Politik wie (Finanz-)Wirtschaft, ehrliche Einsicht in die Ursachen der Finanzkrise. Die einen tun so, als wären ungehemmte Spekulation und falsche Anreizsysteme nicht Auslöser der Krise gewesen, weshalb die rücksichtslosesten Banken bereits wieder Milliardengewinne erzielen und ihren Mitarbeitern ebensolche Boni zahlen. Die anderen sehen hierin die einzige Ursache und übersehen dabei (geflissentlich) das eigene Regulierungsversagen.

Das Problem hierbei ist: Kurzfristig haben beide Seiten Erfolg. Sie fahren Gewinne in ihrer jeweiligen Währung ein, seien es nun Umfragewerte oder Börsennotierungen. Auf diesen schnellen Vorteil zu schielen ist vor allem deshalb fahrlässig, weil Wirtschaft wie Politik über die gegenseitigen Abhängigkeiten bestens Bescheid wissen. In den (sieben guten) Jahren seit dem Platzen der Dotcom-Blase wurde dereguliert und der Zins niedrig gehalten, damit billige Kredite die Wirtschaft befeuerten, sich jeder ein Haus bauen konnte und Finanzplätze wie die City in London zu globalen Machtzentren aufstiegen. Man profitierte also von dieser Interdependenz. Noch auf dem Höhepunkt der Krise gelang kurzzeitig eine konzertierte Aktion, um die „Kernschmelze des Finanzsystems“ zu verhindern. Doch seit das Schlimmste vorüber scheint, herrschen wieder business bzw. politics as usual.

Lang- oder auch nur mittelfristig können sich jedoch weder die Politik noch die Wirtschaft diesen Zustand leisten. So hat die Finanz- und Wirtschaftskrise hat den Zustand der Welt merklich verändert und beispielsweise den Aufstieg Asiens weiter beschleunigt. China, Indonesien, Korea und Singapur helfen nicht nur der Weltwirtschaft wieder auf die Beine, sondern vor allem ihren asiatischen Nachbarn. Zumal „Aufstieg“ dort nicht allein ökonomisch, sondern auch moralisch und emotional zu verstehen ist. Noch lebhaft in Erinnerung ist die in unserer Öffentlichkeit schon fast vergessene Asienkrise von 1997, in deren Folge westliche Experten den betroffenen Ländern bittere finanzpolitische Medizin verschrieben. Als Lehre hieraus haben diese Länder Devisenreserven angehäuft und sind nun, in der aktuellen, von den USA ausgehenden Krise des Finanzkapitalismus, deutlich besser davon gekommen als der Westen. Die dortige Führung verspürt also keinen Grund, weiter auf unsere Ratschläge zu hören. Die Autorität des Westens ist, global gesehen, schon jetzt das vielleicht prominenteste Opfer dieser Krise.

Wenn wir also weiterhin Einfluss auf die (zukünftige) Gestalt der Welt haben wollen, ist zweierlei nötig: Ein ehrliches Einbinden der neuen Mächte Asiens sowie Südamerikas in globale Entscheidungsstrukturen und eine glaubhafte Abkehr vom zügellosen Finanzkapitalismus, der jegliche staatliche Macht ignoriert. Dies kann „die Politik“ jedoch nicht alleine bewerkstelligen, sondern nur gemeinsam mit Unternehmen und Banken. Ein System weltweiter Spielregeln lässt sich eben nur gemeinsam, internationale und – wenn man so will – interdisziplinär, entwickeln und durchsetzen.

Für den Moment ist der Krisendruck, der alle zusammenhielt, entwichen. Schon das letztjährige Forum in Davos sah sich in einer „post-crisis world“. Doch bleibt selbst die Krisenbewältigung prekär: Die großen Banken sind labil, die öffentlichen Haushalte über Gebühr verschuldet, weitere Unternehmenspleiten drohen und sogar soziale Unruhen sind nicht mehr auszuschließen. Überlagert werden diese oftmals handfesten Probleme von einer Verschiebung der globalen Machstrukturen. Alles in allem kein Anlass für verantwortungsbewusste Manager und Politiker, im Streben nach verbindlichen Regeln für eine neue Welt(finanz)ordnung nachzulassen.

Die gute Nachricht: Der ernsthafte Dialog zwischen Politik und Wirtschaft kann „im nationalen Alleingang“ begonnen werden, anders als das am Ende des Prozesses stehende Regelwerk. Aus Davos zurückgekehrt könnten also Minister und Manager einen Anfang machen und gemeinsam, vielleicht bei einem der Arbeitsabendessen im Kanzleramt, die deutsche Position formulieren. Immerhin geht es um nichts Geringeres als das Bewahren der Welt, wie wir, die globalen „Wessis“, sie kennen.

Erschienen bei: 
stiftung neue verantwortung e.V.
01. Februar 2010
Autoren: 

Cornelius Adebahr