„Man kann nicht nur über Nachhaltigkeit sprechen, man muss sie auch praktizieren."

Interview

Tobias Leipprand über neue Ansätze in der Nachhaltigkeitsdebatte

Herr Leipprand, das Projekt „Sustainability Leadership“ klingt gleichermaßen ungewöhnlich wie spannend. Worum geht es genau?

Das Projekt befasst sich mit der Frage, wie wir existierende Lösungen und Ansätze der Nachhaltigkeit (Sustainability) in die Gesellschaft tragen können. Lassen Sie mich das am Beispiel des Klimawandels erläutern: „Die wissenschaftliche Beweislage ist abgeschlossen, der Täter ist identifiziert” – so hat Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung den weitgehenden wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel einmal ausgedrückt. Seit dem berühmten Report von Nicholas Stern wissen wir zudem, dass es uns günstiger kommt, wenn wir heute und nicht erst morgen guten Klimaschutz betreiben, und dass die Gesamtkosten vertretbar sind. Und trotzdem handeln wir nicht!

Es handelt sich also um ein Implementierungsproblem und nicht ein Wissensproblem. Wir wissen, was richtig wäre, und doch tun wir es nicht. Ganz ähnliche Beispiele finden Sie übrigens in anderen Bereichen der Nachhaltigkeit: Gesundheit, Lifestyle, Finanzen, etc.  Die Frage ist also: wie muss sich die Gesellschaft verändern, um insgesamt nachhaltiger zu leben, also nicht auf Kosten anderer (unserer Kinder oder der Entwicklungsländer) aber z.B. auch nicht auf Kosten unserer eigenen Gesundheit? Um diese Veränderung zu erwirken bedarf es Führung (Leadership). Wie diese Führung in einer modernen, vernetzten und demokratischen Welt aussehen kann, das wollen wir beleuchten.

Es geht also auch um einen neuen Führungsbegriff. Wie unterscheidet sich dieser von althergebrachten Theorien und was bedeutet das für ihre Projektergebnisse?

Um den großen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, benötigen wir meist ein grundsätzliches Umdenken, eine völlig neue Herangehensweise. In der Sprache der Evolution heißt das also, es bedarf einer Anpassung an neue Umgebungsbedingungen. Oder nach Einstein: Probleme von heute können nicht mit Konzepten von gestern gelöst werden.

Es ist dabei nicht wichtig, aus einer Position mit formaler Autorität zu agieren oder besonderes Charisma zu besitzen. Wichtig ist vielmehr, die Möglichkeit etwas zu verändern und zu bewegen im Moment sofort wahrzunehmen. Jeder kann in einer gegebenen Situation die Verantwortung für ein Ziel, eine Gruppe, oder einen Prozess übernehmen. Durch eine wohlüberlegte Intervention gelingt es ihm oder ihr, die Beteiligten dem gemeinsamen Ziel näher zu bringen. Wo alte Führungstheorien den einsamen und charismatischen Helden an der Spitze sahen, versteht man Führung heute partizipativ, vernetzt und urdemokratisch.

Bei unserer Recherche haben wir hier interessanterweise festgestellt, dass sich dadurch auch ganz neue Handlungskanäle ergeben. Anstatt das System von oben herab zu verändern, ist man heute am effektivsten, wenn man geschickt die richtigen Impulse ins Netzwerk hinein gibt. Die größten Einflussmöglichkeiten bestehen im eigenen Umfeld. Also Verwandten und Bekannten, Kollegen, usw. Leadership heißt heute, andere zu befähigen und inspirieren. Und wo kann man das besser als im eigenen Umfeld! Dieser Ansatz ist aber noch ganz neu und viel zu wenig erprobt, vor allem in Deutschland.

Wie wenden sie diese neuen Leadership-Ansätze konkret auf den Bereich der Nachhaltigkeit an?

Man kann nicht nur über Nachhaltigkeit sprechen, man muss sie auch praktizieren. Das Team machte diese Einsicht schnell zum zentralen Punkt und entschied sich, die Projektarbeit als Selbstexperiment durchzuführen. Wir haben dies eingehend vorbereitet und starten in die erste Phase Anfang Februar. Jedes Teammitglied setzt sich zunächst Ziele für einen eigenen nachhaltigen Lebensstil und unternimmt das Nötige, um diese Ziele zu erreichen. Darüber wird auf einer Online-Plattform berichtet. So inspirieren sich die Teilnehmer gegenseitig und nehmen sich auch in die Verantwortung, die gesteckten Ziele zu erreichen. In der zweiten Phase öffnen wir dann das Experiment für andere. Hier testen wir nun, wie wir andere für unsere Ideen und unsere Plattform begeistern können und beobachten, ob sich ein Schneeballeffekt einstellt.

Zwischen systemischen Ansätzen wie z.B. der Ökosteuer auf der einen Seite und dem Fokus auf einzelne Mitglieder der Gesellschaft auf der anderen gibt es nach unserer Sicht eben noch diesen großen Raum von Möglichkeiten – den der Netzwerke und Peergruppen. Sollte unser Experiment dies bestätigen, können wir hieraus spannende und neue Handlungsempfehlungen für die Politik ableiten. Das Wahlkampfteam um Barack Obama z.B. hat seinerzeit das Potential von Netzwerken mit Eigeninitiative genau erkannt und zu nutzen gewusst.

Sie arbeiten an diesem Projekt mit einem Team, dessen Mitglieder als unterschiedlichen Bereichen kommen. Wie genau ist dieses Team zusammengesetzt? Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit?

Ich bin immer wieder begeistert über die vielseitige Expertise die in diesem Team vereint ist. Wir haben Teammitglieder aus Think-Tanks und politischen Instituten im Umwelt- und Entwicklungsbereich. Die Privatwirtschaft ist vertreten durch Teammitglieder aus Energie- und Cleantech-Unternehmen, aber auch aus Beratungsunternehmen – zum Teil mit explizitem Fokus auf Nachhaltigkeit. Ebenso haben wir Teilnehmer aus relevanten Stiftungen.

Die Teammitglieder haben aber nicht nur sehr unterschiedliche berufliche Hintergründe. Jede(r) hat eine ganz eigene Perspektive auf das Thema Nachhaltigkeit und bringt diese konstruktiv in die Teamarbeit ein. Über die gute Zusammenarbeit bin ich übrigens schon jetzt hellauf begeistert. Ich habe selten mit so engagierten und gleichzeitig reflektierten Menschen zusammen gearbeitet. Die Teamfähigkeit der Teilnehmer ist extrem hoch. Für mich ist das eine große Bereicherung.

Nachdem die Teamchemie stimmt, freue ich mich jetzt natürlich auf die Ergebnisse. Diese müssen frisch und unerwartet sein, aber gleichzeitig anwendbar und höchst relevant für die politischen Entscheidungsträger. Mit diesem Anspruch haben wir uns eine sehr hohe Messlatte gesetzt.

26. Januar 2010
Autoren: 

Tobias Leipprand