„Leadership“ kann und wird jenseits von Macht und formaler Autorität auf allen Ebenen ausgeübt: etwa im Beruf oder im Ehrenamt."

Interview

Leonard Novy leitet als Fellow das Projekt PUBLIC LEADERSHIP. 

Herr Novy, worum geht es in Ihrem Projekt?

Wir beschäftigen uns mit einem Thema, das in der öffentlichen Debatte in Deutschland zusehends an Bedeutung zu gewinnen scheint: Führung im öffentlichen Raum oder „public leadership“. Nicht erst im Zuge der Koalitionskrise von Schwarz-Gelb wird ja permanent Führung eingefordert oder „Führungsschwäche“ kritisiert.  Natürlich sind solche Aussagen oft wohlfeil und – wichtiger noch – interessengebunden. Wer öffentlichkeitswirksam Führung einfordert, unterstellt häufig gerne, selbst derjenige zu sein, dem Führung zustehe. Dennoch hat das Thema Konjunktur und es besteht Bedarf, sich etwas systematischer mit ihm auseinanderzusetzen.

Gibt es in Deutschland eigentlich ein Grundverständis von dem, was was im Allgemeinen als "Führung" bezeichnet?

Die Popularität des Begriffs wird heute nur noch übertroffen durch die Unschärfe, mit der er verwendet wird. So wird Führung hierzulande gemeinhin mit Militär, formaler Autorität und einem hierarchischen Führungsstil in Verbindung gebracht – oder mit betriebswirtschaftlicher Managementliteratur. Darum aber geht es nicht.

Was genau macht Führung" oder "Leadership" eigentlich aus - oder: was ist "öffentliche Führung"?

Wer anerkennt, dass nicht nur Institutionen, Strukturen und Sachzwänge zählen, dass also das Individuum einen Unterschied macht, kommt nicht umhin, den Führungsfähigkeiten politischer Akteure eine zentrale Rolle für die Leistungsfähigkeit und Legitimation unserer Demokratie einzuräumen. Im Grunde geht es um Problemlösungsfähigkeiten und die Fähigkeiten des politischen Personals, Bürger in den demokratischen Prozess zu involvieren! Beides ist wichtig und beides hängt zusammen. Die wachsende Kluft zwischen Regierenden und Regierten, die Distanz zur Politik, wie sie sich in Umfragen zur Zufriedenheit mit politischen Parteien artikuliert, ist ja in Teilen auch ein Spiegel der Hilflosigkeit der politischen Eliten, Zukunftsprobleme glaubhaft zu thematisieren und überzeugend in den Griff zu bekommen. Wobei sich deren Vertrauenswerten im Vergleich zur Finanzwelt freilich noch gut ausnehmen…

Fokussieren Sie sich allein auf den Führungsbegriff im politischen Kontext?

Nein, wir wollen und werden uns umfassend mit Führung im öffentlichen Raum beschäftigen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist zweierlei: „Leadership“ kann und wird jenseits von Macht und formaler Autorität auf allen Ebenen ausgeübt: etwa im Beruf oder im Ehrenamt. Es geht nicht nur um Spitzenpolitik und schon gar nicht, um selbsternannte Eliten, die für sich Führung reklamieren. Und, ja, es gibt auch schlechte Führung. Die Geschichte ist voll von Beispielen, wo jene die führen ihre Stellung und Talente für verbrecherische, unmoralische Zwecke genutzt haben. All das gilt es zu berücksichtigen, bevor wir uns der Entwicklung eines Verständnisses dessen, was „gute“ Führung unter den spezifischen politischen und kulturellen Bedingungen Deutschlands bedeutet, widmen. Fest steht: Leadership vollzieht sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen und gesellschaftlich-kultureller Normen. Eine solche Herangehensweise impliziert, was in der US-amerikanischen Forschung Konsens ist: auch die Anhänger des Führenden müssen in den Blick genommen werden. Leadership soll demnach verstanden werden als ein kontinuierliches, soziales Interaktionsmuster zwischen Führenden und Anhängern, das dazu dient, gemeinsame Ziele aufzustellen und zu erreichen. Dies entspricht ja auch den gesellschaftlichen Fortschritten der letzten Jahrzehnte, der Dezentralisierung und Demokratisierung von Führungsressourcen, in Folge derer immer mehr Menschen in unterschiedlichen Kontexten Führung ausüben.

Wie konkret gehen sie bei der Bearbeitung des Projektes vor?

Vor allem im Vergleich mit den USA und Großbritannien, wo sich seit den 1990er Jahren ein eigenständiger interdisziplinärer Forschungszweig herausgebildet hat, ist der deutsche Diskurs theoretisch unterentwickelt und – historisch bedingt – nach wie vor von großer Skepsis geprägt.  Ohne von einer simplen Übertragbarkeit internationaler Ansätze auszugehen, wird das Projekt daher zunächst die dort generierten Erkenntnisse untersuchen, um dann in einem zweiten Schritt zu versuchen , für den öffentlichen Raum in Deutschland anschlussfähige Konzepte zu entwickeln. Im Projekt untersucht werden vor diesem Hintergrund unter anderem die Trennlinien und Gemeinsamkeiten zwischen Führung in Politik, Wirtschaft und anderen gesellschaftlichen Teilbereichen, der Zusammenhang zwischen Strategiefähigkeit und politischer Führung und Leadership begünstigenden Verfahren der Personalrekrutierung und Weiterbildung in Organisationen.

Sie arbeiten an diesem Projekt mit einem Team, dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen kommen. Wie genau ist dieses Team zusammengesetzt? Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit?

Die eine Leadership-Theorie gibt es nicht – das Thema bedarf eines interdisziplinären, historische, soziologische, psychologische, und ökonomische Aspekte miteinschließenden Forschungszugangs. Das gewährleisten wir mit einem sehr bunt zusammengesetzten Team. Wir haben Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen, aber auch Praktiker aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft in unseren Reihen. Letzteres ist wichtig, denn wir wollen nicht nur konzeptionelle Arbeit leisten, sondern wenn möglich auch den ein oder anderen operativen Vorschlag zur oft angemahnten Verbesserung von Führung im öffentlichen Raum entwickeln. Wünschenswert – sowohl im Sinne des Selbstverständnisses der Stiftung Neue Verantwortung als partizipatorischer Think Tank als auch im Hinblick auf die Qualität der Arbeitsergebnisse – ist dafür auch ein intensiver Dialog zwischen dem Projektteam und seinen Adressaten. Die Frage, wie die vielfach thematisierte „Weisheit der Vielen“ erschlossen werden kann, wie also durch kollaborative Formen der Wissensgenerierung der Ideentransfer zwischen Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft intensiviert werden kann, ist beides: Gegenstand des Projekts und praktische Herausforderung in der Erarbeitung und Vermittlung seiner Ergebnisse.

01. März 2010
Autoren: 

Dr. Leonard Novy