„Die Sozialpolitik der Zukunft muss das Design von Familien- oder Bildungspolitik vollkommen neu denken."

Interview

Harald Wilkoszewski über die Grundzüge einer funktionsfähigen Generationengesellschaft
 
Herr Wilkoszewski, was bedeutet es für eine Gesellschaft, in der das Gefüge zwischen einer Reihe von demografischen Gruppen starken Veränderungen unterworfen ist?
 
Dies betrifft zunächst das Verhältnis zwischen Jung und Alt, da die Gruppe der Senioren über die nächsten Jahrzehnte stark anwachsen wird, gleichzeitig aber der Bevölkerungsanteil der Jüngeren deutlich zurückgeht. In der heutigen gesellschaftspolitischen Diskussion steht die Beziehung zwischen junger und alter Generation vor allem unter dem Blickwinkel der sozialen Sicherungskosten im Mittelpunkt, und wird so auf ein budgetäres Problem reduziert. Unter dem Stichwort der „Generationengerechtigkeit“ lautet die vereinfachende Argumentationskette „Zu viele Alte = zu hohe Kosten“. Deutschland wird aber nicht nur mit einer potenziellen Konfliktlinie zwischen Jung und Alt zu tun haben werden, denn der Bevölkerungswandel hat deutlich mehr Facetten. Aufgrund der Tatsache, dass die niedrige Geburtenrate zu einem beachtlichen Teil auf die Kinderlosigkeit einer wachsenden Personengruppe zurückzuführen ist, gehen die klassischen Berührungspunkte zwischen Jung und Alt innerhalb der traditionellen Familie als Puffer für mögliche Generationenkonflikte um öffentliche Ressourcen verloren. Es könnte sich dann zusätzlich eine weitere Konfliktlinie zwischen Kinderlosen und Eltern bzw. Enkelkinderlosen und Großeltern aufbauen. Nicht zuletzt bewirken neue Formen des Zusammenlebens sowie Scheidungsraten auf sehr hohem Niveau einen zentralen Umbruch in den Familienstrukturen und verstärken unter Umständen so die vorhandenen Konfliktpotenziale. Zu diesen demografischen Veränderungen kommt hinzu, dass in Deutschland ein bipolares Bild über das Alter herrscht, in dem noch immer negative Stereotype überwiegen. Zwar sieht die Wirtschaft einen Teil der Senioren als lukrativen „Silver Market“ und die Politik gibt Bekenntnisse zu den „Potenzialen des Alters“ ab; dennoch ist der Begriff „alt“ immer noch mehrheitlich negativ konnotiert. Dies zeigt allein schon der Begriff „Überalterung“, der häufig als Synonym für den Demografischer Wandel verwendet wird.
 
Wieso ist das Thema gerade jetzt von Bedeutung?
 
Der Demografische Wandel hat nun bereits seit mehreren Jahren Konjunktur. Er sieht sich zwar zuweilen Konkurrenz durch die beiden anderen Megatrends Globalisierung und Klimawandel ausgesetzt, ist aber mittlerweile als Begriff fest in der gesellschaftspolitischen Diskussion verankert. Obwohl sie also stichwortmäßig in kaum einer Politikerrede fehlen, werden die demografischen Veränderungen selten in ihrer Tiefe und Breite erfasst. Das betrifft sowohl den Kern des Trends, als auch seine Konsequenzen. Beim Demografischen Wandel geht es nun einmal nicht nur darum, dass die ältere Generation zahlenmäßig wächst; das gesamte demografische Gefüge Deutschlands wandelt sich mit mehr Kinderlosen, weniger Ehefrauen und -männern und diverseren Familienformen. Die Sozialpolitik der Zukunft muss die Ausgangslage für das Design von Familien-, Gesundheits-, Wohnungs-, Verkehrs-, Arbeits- und Bildungspolitik vollkommen neu denken. Dafür müssen die Weichen heute gestellt werden, da es bereits erste Anzeichen für vermehrte und neue Konflikte zwischen demografischen Gruppen gibt. Dazu zählen Forderungen nach überzogenen Kürzungen der Sozial- und Gesundheitsausgaben für Ältere aber auch das Schließen von Kinderbetreuungseinrichtungen aufgrund von Anwohnerklagen. Dass diese Beispiele keinen anekdotischen Befund darstellen, zeigen neueste Forschungsergebnisse: Die Bereitschaft der Deutschen, öffentliche Transfers an die verschiedenen Generationen zu unterstützen, ist stark vom Alter und der jeweiligen Familiensituation abhängig. Bisher geht die Politik davon aus, dass es solche Unterschiede nicht gibt. Im Zusammenspiel mit den demografischen Entwicklungen kann allerdings durchaus eine Situation entstehen, in der notwendige Reformen schwerer durchzusetzen sind, sollten die unterschiedlichen Präferenzen von Jung und Alt, von Kinderlosen und Eltern nicht Ernst genommen werden. Dabei kann Klientelpolitik keine Lösung sein; gefragt ist ein umfassender gesellschaftspolitischer Ansatz, der das Verständnis zwischen den Generationen fördert, etwa über die positive Besetzung von Altersbildern oder die Neudefinition des Begriffs „Familie“.
 
Der demografische Wandel schwebt ja im Allgemeinen wie ein Damoklesschwert über der gesellschaftspolitischen Debatte. Was hat das für Konsequenzen bei der Ausgestaltung einzelner Politikfelder?
 
Das „Damoklesschwert Demografischer Wandel“ verhindert zunächst eine positive Sicht auf die Chancen der Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur. Wandel und Neues müssen ja nicht per se etwas Schlechtes oder Problembehaftetes sein. Ganze Bereiche von Gesellschaft und Wirtschaft beziehen ihre Attraktivität aus Veränderungen, die viel schneller ablaufen als demografische Prozesse, man denke nur an den IT-Bereich. Der Blick in andere Länder zeigt zudem, dass dort zuweilen gelassener und kreativer mit dem Szenario einer gealterten Gesellschaft umgegangen wird. Der Wohnungsmarkt in den Niederlanden oder der Gesundheitsbereich in Finnland wären hier zu nennen. Der amerikanische Demograf und Rostocker Max-Planck-Direktor James W. Vaupel hat einmal von der „German Angst“ vor dem Demografischen Wandel gesprochen. Sie äußert sich z.B. darin, dass in Deutschland noch immer viel Energie auf Konzepte verwendet wird, die vermeintlich dazu geeignet sind, die Alterung der Bevölkerung abzudämpfen, aufzuhalten oder gar umzukehren. Der Paradigmenwechsel in der Familienpolitik hin zur klaren Formulierung des Politikziels „Erhöhung der Geburtenrate“ ist ein gutes Beispiel dafür; es zeigt auch, dass ein solcher Ansatz kaum erfolgversprechend ist. Dies liegt an der Trägheit demografischer Veränderungen. Langsamkeit ist allerdings auch ein Vorteil, da die mittelfristigen Auswirkungen des Bevölkerungswandels prinzipiell gut abzuschätzen sind, sich die Politik also Schritt für Schritt darauf einstellen könnte. Zugegeben, der Demografische Wandel ist eine politische Großbaustelle, da gibt es nichts kleinzureden. Das Anspruchsvolle ist zudem sein Querschnittscharakter – er betrifft alle Politikfelder mehr oder weniger gleichzeitig. Ein Denken und Handeln im klassischen Ressortzuschnitt, wie er im politischen Betrieb Deutschlands vorherrscht, ist da eher hinderlich. Einige wenige funktionale Einheiten auf Landes- und Regionalebene sind dazu übergegangen, Teile einzelner Ministerien in einer Art „Demografie-Ressort“ zu bündeln. Das sind Schritte in die richtige Richtung. Organisatorische Änderungen allein können allerdings nicht ausreichen, um dem Demografischen Wandel seine Bedrohlichkeit zu nehmen. Es sind die einzelnen Entscheidungsträger gefragt, eine ältere Gesellschaft mit diverseren Formen des Zusammenlebens nicht als etwas Schlechtes anzusehen, sondern als wahrscheinliches Szenario kreativ anzunehmen.
 
Sie arbeiten an diesem Projekt mit einem Team, dessen Mitglieder als unterschiedlichen Bereichen kommen. Wie genau ist dieses Team zusammengesetzt? Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit?
 
Das Team ist in der Tat äußerst divers zusammengesetzt. Drei der neun Associates kommen aus der Wirtschaft und arbeiten bei großen Unternehmensberatungen bzw. Banken. Ein weiteres Mitglied ist für das Berliner Büro eines deutschen Automobilkonzerns tätig. Mit zwei Vertretern aus dem Bundesfamilien- bzw. -verkehrsministerium konnten wir junge Experten aus dem Politik- und Verwaltungsbereich gewinnen, noch dazu aus Ressorts, die zentral für das Thema sind. Ein Associate arbeitet für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenorganisationen und deckt damit den wichtigen Bereich der gesellschaftlichen Organisationen ab. Schließlich haben wir einen Associate in unserem Kreis, der im Wissenschaftsmanagement der Universität der Künste Berlin tätig ist sowie einen Soziologen mit einschlägiger Expertise von der Technischen Universität Dortmund, der zusammen mit mir den wissenschaftlichen Bereich vertritt. Allen Teammitgliedern ist ein echtes Interesse am Thema „Generationengesellschaft“ gemein. Jene, die sich nicht beruflich mit dem Thema beschäftigen, haben einen starken persönlichen Zugang, etwa durch ehrenamtliches Engagement. Wir haben also keine Gruppe von reinen Fachexpertinnen und -experten. Das ist sehr wichtig bei diesem Thema, das nicht zu technisch angegangen werden sollte. Ich sehe auch eine gute Mischung aus Praktikern und eher konzeptionell veranlagten Teammitgliedern, was sehr schön ist. Die ersteren werden so hoffentlich dafür sorgen, dass die Ideen der letzteren auch realisierbar bleiben. Schon das Auswahlverfahren und die ersten beiden Projektteamtreffen haben gezeigt, welch ein intensives, kreatives Umfeld durch eine solch diverse Zusammensetzung entstehen kann.
28. Januar 2010
Autoren: 

Harald Wilkoszewski