„Die Arbeits-, Berufs- und Lebenswirklichkeit lässt sich ohne die Logik des Ökonomischen nicht umfassend erschließen.”

Interview

Tim Engartner über die Zukunft der ökonomischen Bildung in Deutschland:

Seit November 2009 ist Tim Engartner Fellow der stiftung neue verantwortung und beschäftigt sich mit der Frage, wie mehr ökonomisches Wissen in Schulen vermittelt werden kann. Er leitet das Projektteam zum Thema „Zukunft der ökonomischen Bildung“.

Herr Engartner, worum geht es in Ihrem Projekt?

Wir gehen davon aus, dass die „Blackbox Wirtschaft“ von möglichst vielen Scheinwerfern erhellt werden muss. Die Arbeits-, Berufs- und Lebenswirklichkeit lässt sich ohne die Logik des Ökonomischen nicht umfassend erschließen. Um die Komplexität moderner Gesellschaften zu durchdringen, braucht es zweifelsfrei nicht nur ökonomisches, sondern auch politisches, geographisches und – „Keine Zukunft ohne Herkunft“ – historisches Wissen. Aber viele Menschen werden Opfer der Konsumgesellschaft und geraten in die „Schuldenfalle“, scheuen trotz innovativer Geschäftsideen den Weg in die berufliche Selbständigkeit oder entwickeln mangels volkswirtschaftlicher Sachkenntnis kein tragfähiges Gespür für die sich insbesondere auf globaler Ebene verschärfenden sozio-ökonomischen Ungleichheiten, weil ihnen ökonomische Gesetzmäßigkeiten verborgen bleiben. Unsere Argumentation lautet: Wenn mit dem Bildungs-, Gesundheits- und Rentensystem immer mehr Gesellschaftsbereiche nach ökonomischen Prinzipien organisiert werden, das ökonomische Wissen hierzulande aber durchweg bescheidener ausfällt als z. B. in den USA, Großbritannien oder Südkorea, dann braucht es mehr ökonomische Bildung. Aus dieser Defizitanalyse heraus erklärt sich die Dringlichkeit unseres Projektes.
 
Warum halten Sie die Stärkung ökonomischer Bildung für notwendig?
 
Wenn wir „Bildung als Bürgerrecht“ begreifen und davon ausgehen, dass Menschen in der Konsumgesellschaft zwischen Nike und Nokia Orientierung suchen, muss ökonomische Bildung als integraler Bestandteil von Allgemeinbildung begriffen werden. Die in regelmäßigen Abständen vom Bundesverband Deutscher Banken vorgelegte Jugendstudie hat auch im Sommer 2009 wieder zu Tage gefördert, dass jeder zweite 14- bis 24-Jährige nicht weiß, was unter Inflation zu verstehen ist. Ein Weiteres kommt hinzu: Viele Kinder und Jugendliche haben großes Interesse an wirtschaftlichen Fragestellungen und wünschen sich mehr ökonomische Bildung. Schülerinteressen zu ignorieren, erstickt aber die für jeden Lernprozess erforderliche Motivation.   
 
Das Schülerinteresse ist das eine. Aber vielfach werden doch Vorbehalte gegenüber der Ausweitung ökonomischer Bildung laut. Wie lassen sich diese entkräften?
 
Indem man auf ihre alltägliche Relevanz hinweist! Und gleichzeitig deutlich macht, dass ökonomische Bildung nicht nur im Lichte ihrer Verwertbarkeit zu sehen ist. Unzählige Lebenssituationen sind ökonomisch geprägt, weshalb für deren Bewältigung ökonomische Kompetenzen unverzichtbar sind. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen: Seitdem die Zuzahlungspflicht bei Arzneimitteln ausgeweitet, der Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gekürzt und die Bismarcksche Sozialversicherungsarchitektur mit der Einführung der „Riester-“ und „Rürup-Rente“ als Instrumentarien der kapitalgedeckten Altersvorsorge aufgekündigt wurde, hat die eigenverantwortliche finanzielle Planung massiv an Bedeutung gewonnen. Wenn aber von jungen Menschen verlangt wird, dass sie möglichst frühzeitig und umfassend für ihr Alter vorsorgen, dann muss ihnen auch Gelegenheit gegeben werden, sich fundierte Finanzkenntnisse anzueignen. Orientierungswissen über Risiken und Renditen von Geldanlagen vermitteln aber weder Banken noch Bausparkassen, so dass die Verantwortung für finanzielle Allgemeinbildung – im anglo-amerikanischen Raum als Financial Literacy hinlänglich bekannt – bei den Schulen liegen muss.
 
Wie wirkt sich das Wissen um diese Defizite auf die Inhalte ökonomischer Bildung aus?
 
Eine ebenso gute wie komplexe Frage. Ökonomische Bildung umfasst nicht allein Kenntnisse über die Entstehungsgeschichte des Geldes, die Verwendung des Taschengelds und die Chrematistik als die Lehre vom Gelderwerb. Wenn einer Umfrage der Stiftung Wertevolle Zukunft zufolge nur elf Prozent der Bundesbürger den großen Wirtschaftsunternehmen ihr Vertrauen aussprechen und 77 Prozent der Auffassung sind, dass es „den meisten Wirtschaftsführern vor allem nur noch darum geht, den Aktienkurs zu steigern“, obwohl dies „auf Kosten der Mitarbeiter geht“, darf sich die Forderung nach mehr ökonomischer Bildung nicht auf einen verpflichtenden Crashkurs in Betriebswirtschaftslehre beschränken. Ein breiter Zugang zu ökonomischen Themen hat schließlich eine lange Tradition. Schon die aristotelische Ökonomik speiste sich nicht nur aus ökonomischen, sondern insbesondere auch aus philosophischen Überlegungen. So bezog Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik Fragen der Gerechtigkeit und der Tugend u. a. auf den Warenaustausch.
 
Wie schätzen Sie die Aussicht ein, dass der ökonomischen Bildung in naher Zukunft an den Schulen mehr Unterrichtsstunden eingeräumt werden?
 
Das von Seiten der Politik gegebene, aber unzureichend eingelöste Versprechen, ökonomischer Bildung in den Stundentafeln breiteren Raum einzuräumen, wird von einer breiten Bevölkerungsmehrheit getragen – nicht nur im Schatten der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise. Gleichwohl bleibt vor dem Hintergrund der Akzeptanzzyklen sozialwissenschaftlicher Lehr- und Lerninhalte abzuwarten, ob sich diese Forderung als „Strohfeuer“ entpuppt, kennen wir die Konjunkturen und Moden, denen die sozialwissenschaftlichen Disziplinen unterliegen, doch bereits aus dem Kontext der politischen Bildung. Nach ihr wird häufig nur dann gerufen, wenn sie als „Feuerwehr“ gesellschaftliche Brandherde bekämpfen soll: von Politikverdrossenheit über Rechtsextremismus bis hin zu Jugendgewalt. Außerdem gilt es deutlich zu machen, dass wir die ökonomische Bildung zwar inthronisieren, aber die politische Bildung nicht entthronen wollen. Angesichts der mit dem Ausbau der Ganztagsschulen wachsenden Stundentafeln ist Platz für beide Disziplinen.
 
Sie arbeiten an diesem Projekt mit einem Team, dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen kommen. Wie genau ist dieses Team zusammengesetzt? Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit?
 
Mehrheitlich stammen unsere Teammitglieder aus der Wissenschaft. Einsicht durch Vielfalt gewinnen wir somit vor allem durch die disziplinäre Heterogenität unseres Teams. So haben die in der Projektgruppe vertretenen Philosophen und Politikwissenschaftler naturgemäß einen anderen Blick auf die Nachbardisziplin „Ökonomie“ als Ökonomen. Diese fachliche Dissonanz wollen wir produktiv nutzen. Einig sind wir uns darin, dass der Ruf nach mehr ökonomischer Bildung verhallen wird, wenn deren Fürsprecher ausschließlich in den Reihen der Unternehmen zu finden sind. Entscheidend wird sein, dass ökonomische Kenntnisse auch von Gewerkschaften, Kirchen und Verwaltungseinrichtungen als unverzichtbarer Bestandteil von Allgemeinbildung begriffen werden. Den Weg dafür wollen wir ebnen – mit Strategien zur Stärkung ökonomischer Bildung.
14. Januar 2010
Autoren: 

Dr. Tim Engartner