„Die aktuelle Wachstumskritik ist unreflektiert und greift zu kurz."

Interview

Cordula Drautz beleuchtet im Interview die Defizite der aktuellen Debatte über die Grenzen des Wachstums.
Frau Drautz, worum geht es in Ihrem Projekt?
 
Wohlstand durch Wachstum ist eines der wichtigsten Ziele der Wirtschaft. So sehen es zumindest die meisten Wirtschaftspolitiker und Ökonomen. Doch wirtschaftlicher Wohlstand ist ungleich verteilt, mehr Geld macht nicht immer glücklich und eine wachsende Wirtschaft verbraucht in den meisten Fällen mehr natürliche Rohstoffe und belastet die Umwelt stärker. Deshalb müssen wir weg vom blinden Wachstumsmantra. Doch die in vielen Debatten über Wachstum und Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen verbreitete Denkrichtung, Ökologie gegen Ökonomie in Stellung zu bringen, hat sich ebenfalls als zu kurz gegriffen erwiesen. Aus dem vermeintlichen Antagonismus ist eine Bedingung erwachsen. Wachstum ist nur nachhaltig, wenn es wirtschaftliche Stabilität sowie beschäftigungspolitische Wirksamkeit garantiert und ökologisch verträglich ist. Das Ziel unseres Projekts ist es daher, Perspektiven für ein Wohlstandsmodell in Deutschland auszuloten, das auf einer sozial verträglichen, gerechten und ressourcenschonenden Wirtschaftsweise beruht.
 
Brauchen wir Wachstum, um unseren Wohlstand zu halten?
 
Die aktuelle Wachstumskritik ist unreflektiert und greift zu kurz. Dass Wohlstand durch Wachstum entsteht, war für frühere Generationen vollkommen unbestritten. „Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“, heißt es in der Dreigroschenoper. Der gesellschaftliche Reichtum, der aus Wachstum erwächst, ist in unserem heutigen System auch Voraussetzung für die sozialen Umverteilungen. Es darf also in der aktuellen Debatte über die Grenzen des Wachstums nicht allein darum gehen, Wohlstand zu verteufeln und der materiellen Entsagung das Wort zu reden. Allerdings spricht vieles dafür, dass Wachstum auch mit hohen Kosten verbunden ist. Letztendlich kommt es darauf an, wie wir Wohlstand definieren. Geht es uns nur um immer steigenden materiellen Konsum – oder beziehen wir Faktoren wie den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen, aber auch intakte gesellschaftliche Strukturen und Dimensionen wie beispielsweise den Zeitwohlstand mit in den Begriff ein?
 
Wo sehen Sie die Schwächen oder Defizite in der aktuellen Debatte über die „Grenzen des Wachstums“?
 
Die rein materielle, quantitative Bemessung von Wachstum, wie beim Bruttosozialprodukt, hat in Zeiten ökologischer und sozialer Krisen ausgedient. Die Aussagekraft solcher Kennzahlen wird einfach immer geringer. Hohe Wachstumsraten, die auf exzessivem Schuldenmachen und virtuellen Spekulationskreisläufen aufbauen, sind zudem mitverantwortlich für Finanz- und Wirtschaftskrisen mit fatalen Folgen für die Realwirtschaft, so etwa in Form des Verlustes von tausenden Arbeitsplätzen und damit einhergehender sozialer Unsicherheit und Destabilisierung. Auf der anderen Seite jedoch steht eine ebenso wichtige Frage im Raum: Welche gesellschaftlichen Perspektiven hat ein Land wie Deutschland, hochverschuldet und mittendrin im demografischen Wandel, ohne Wachstum? Ist ein Wirtschaftssystem denkbar, das nicht wachsen muss und trotzdem Wohlstand und Stabilität garantieren kann? Die aktuelle Debatte bietet hier noch zu wenig konkrete Lösungsansätze und Alternativen. Unser wirtschaftspolitisches Denken braucht dringend mehr Nachhaltigkeit, mehr Qualität. Eine solche Qualität muss sich in der Debatte widerspiegeln. Das sehe ich im Moment leider nicht.
 
Haben wir die falschen ökonomischen Indikatoren, um Wohlstand zu messen?
 
„Das Bruttoinlandsprodukt misst alles - außer das, wofür sich das Leben lohnt“, sagte Robert Kennedy, der Bruder des früheren US-Präsidenten, schon 1968. Der König der südasiatischen Monarchie Bhutan verkündete 1972, dass Glück das erstrebenswerteste Ziel von Entwicklung sein müsse. Daher solle neben dem Bruttoinlandsprodukt auch das Bruttonationalglück erhoben werden. Seit 2008 wird mit dem Gross National Happiness-Index die Zufriedenheit der Bewohner des Kleinstaates gemessen, in dem Faktoren wie Gesundheit, Bildung, Staatsführung, Wohlbefinden, ökologische Vielfalt und Spiritualität zentral sind. Auch westliche Ökonomien und Gesellschaften wie Deutschland sollten meines Erachtens neue Wachstumsindikatoren entwickeln, die – passend zum volkswirtschaftlichen Entwicklungsstand – langfristige Perspektiven widerspiegeln. Nicht zuletzt die Finanzkrise hat uns vor Augen geführt, zu welchen gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ein rein auf kurzfristiges Wachstum und nichtnachhaltige Ziele ausgerichtetes Wirtschaften führen kann.
 
Sie arbeiten an diesem Projekt mit einem Team, dessen Mitglieder aus unterschiedlichen Bereichen kommen. Wie genau ist dieses Team zusammengesetzt? Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit?
 
Interdisziplinäres Arbeiten und Denken erhöht die Chancen, kreative und langfristig tragfähige Lösungsvorschläge hervorzubringen. Die bekannte „Weisheit der Vielen“ soll in dem Projekt zum Tragen kommen. Eine so komplexe Aufgabe zu bearbeiten, wie Ansätze und Strategien für den Übergang in eine nachhaltige Marktwirtschaft zu entwickeln, erfordert ein Team mit vielen Perspektiven und Know-how. Sonst bleiben die Lösungsvorschläge eindimensional und damit nicht umsetzbar. In unserem Team sind Wissenschaftler und Praktiker vom Supply Chain Management Institute (SMI) ebenso vertreten wie vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung, dem Sachverständigenrat für Umweltfragen, der E.ON AG oder Permira Advisors. Wir durchbrechen somit die starke Versäulung des Denkens und bauen Brücken zwischen der wissenschaftlichen, unternehmerischen und politischen Ebene.
16. Februar 2010
Autoren: 

Cordula Drautz