„Das deutsche Bildungssystem erzieht uns systematisch den Wunsch ab, kreativ zu sein."

Interview

Thomas Ramge beschäftigt sich mit strategischer Kreativität in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Er leitet das Projektteam "Die kreative Gesellschaft".
 
Seit November 2009 ist Thomas Ramge Fellow der stiftung neue verantwortung und beschäftigt sich mit strategischer Kreativität in Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Er leitet das Projektteam zum Thema "Die kreative Gesellschaft".
 
Herr Ramge, worum geht es in dem Projekt „ Die kreative Gesellschaft“?
 
Wir suchen Antworten auf eine zentrale Frage: Wie kann schöpferisches Denken dazu beitragen, dass wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln? Kreative Ansätze können Blockaden auf allen gesellschaftlichen Ebenen lösen und Menschen im Übrigen auch glücklicher machen. Letzteres mag sich ein wenig pathetisch anhören. Doch ein großer Teil der Unzufriedenheit, besonders im Arbeitskontext, hat seine Ursache darin, dass sich Menschen kreativ unterfordert fühlen. Dass sie Anweisungen ausführen müssen, obwohl sie wissen, dass es anders besser ginge. Unser gängiges Verständnis von Leistung spielt in diesem Zusammenhang eine innovationsfeindliche Rolle. Die zuverlässige, in Stunden oder Stückzahlen messbare Leistung wird stärker honoriert als Ideen, die das Neue überhaupt erst in die Welt bringen. Entsprechend eng sind die Räume, die wir kreativem Denken geben. Das wollen wir hinterfragen und zeigen, wie wir ein Umfeld schaffen könnten, in dem neues Denken prosperiert.
 
Wieso ist das Thema gerade jetzt von Bedeutung?
 
Es wurde in den letzten Jahren viel über den Begriff Kreativität diskutiert. Diese Diskussion hat mit Richard Floridas Buch „The Rise of the Creative Class“ begonnen und in diesem Jahr mit dem europäischen Jahr der Kreativität einen neuen Höhepunkt gefunden. Auffällig hierbei ist: Meist wird dabei in ökonomischen Kategorien gedacht, eng angelehnt an den Innovationsbegriff. Das ist richtig und wichtig und kreative Ökonomie wird auch in unserem Projekt eine Rolle spielen. Aber unter der Überschrift „kreative Gesellschaft“ wollen wir die Diskussion erweitern und zwar auf Bereiche, von denen wir glauben, dass zu stark in festgefahrenen Bahnen gedacht wird. Warum können Politik und Verwaltung nicht kreativer sein? Warum tun wir uns mit dem Kreativitätsdenken außerhalb der kreativen Ökonomie so schwer? Das deutsche Bildungssystem erzieht uns nahezu systematisch den Wunsch ab, kreativ zu sein. Wenn wir als Gesellschaft besser werden wollen, müssen wir das Denken außerhalb der Bahnen des Gewohnten fördern. Wir müssen begreifen, dass die gute Idee der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts ist, und dies eben nicht nur ökonomisch gesprochen. Der Begriff der Kreativität hat in diesem Zusammenhang übrigens ein kleines Problem. Alle mögen ihn. Kreativ sein ist immer toll, aber wehe ein Kreativer macht mal Ernst bekommt auch noch die Chance, sich durchzusetzen. Dann feuern die Kräfte der Beharrung aus allen Rohren.
 
Gerade von der Politik wird immer mehr “kreatives Denken” gefordert. Ist das überhaupt realistisch?
 
Gute Frage, besonders wenn man sie auf die Politik rückbezieht. Die ist ja so in ihren Ritualen verhaftet, lässt Impulse von außen in so geringem Maße zu, dass der Begriff Kreativität eigentlich systeminkompatibel scheint. Gleichwohl: Es ist natürlich gut, wenn Politiker das Thema für sich entdecken und auf politische Agenden setzen. Sie können darauf hinwirken, dass im Bildungssystem kreative Elemente wichtiger werden oder dass junge, kreative Unternehmen bessere Rahmenbedingungen haben. Auf regionaler Ebene gibt es eine Reihe interessante Initiativen, wo kreative Umfelder sinnvoll gefördert werden. Gleichwohl müssen Politiker verstehen, dass Förden von Kreativität zunächst einmal Zulassen ist. Würde Politik auf allen Ebenen erkennen, dass es vor allem die tradierte Regelungswut ihrer Zunft ist, die Kreativität verhindert, wäre schon sehr viel gewonnen.
 
Sie arbeiten an diesem Projekt mit einem Team, dessen Mitglieder aus Wirtschaft, Wissenschaft oder auch dem Kulturbereich kommen. Wie genau ist dieses Team zusammengesetzt? Was erhoffen Sie sich von der Zusammenarbeit?
 
Wie es sich für ein kreatives Team gehört, haben wir auf eine möglichst bunte Mischung geachtet, ohne dabei die Arbeitsfähigkeit aus den Augen zu verlieren. Wir haben eine Hochbegabtenforscherin im Team, die sich mit Kreativitätsforschung auskennt und den Gründer einer Kultur-Event-Agentur. Einen empirisch hochversierten Risikomanager aus Zürich und einen der Redenschreiber der Kanzlerin. Eine Ingenieurin, die in Unternehmen Innovationsberatung macht, einen Psychologen und eine Steuerberaterin, die eigentlich Musikerin werden wollte. Und wir haben an die politische Anbindung gedacht und uns mit einer Referentin eines Bundesministeriums verstärkt, die sich mit dem Thema ebenfalls beschäftigt. Wir wollen das weite Feld der Kreativität zunächst einmal nach den gesellschaftlich relevanten Aspekten systematisieren. Wir wollen Killer der Kreativität identifizieren und benennen. Und wir wollen natürlich gemeinsam schauen, wo Kreativität sinnvoll gefördert werden kann. Wichtig bei der Auswahl der Associates war zudem, dass wir den Eindruck hatten: Die haben Lust zu schreiben. Kreative stehen ja immer unter dem Verdacht, viel zu reden aber bei den sichtbaren Ergebnissen nicht zwingend vorne zu liegen. Dieses Klischee wollen wir konterkarieren. Die kreative Klasse 2009-2010 der Stiftung will möglichst viel publizieren.
12. Januar 2010
Autoren: 

Thomas Ramge