Digitale Energiewende

Die Digitalisierung, die in den letzten Jahren bereits viele Branchen grundlegend verändert hat, beginnt in der Energiewirtschaft gerade erst. In manchen Teilbereichen, wie dem Handel an den Strombörsen, ist das schon spürbar. Hier wurden zum Beispiel schon erste Verträge mit der Kryptografie-Technologie Blockchain geschlossen. Von der digitalen Transformation der Energiewirtschaft könnte das politische und gesellschaftliche Projekt der Energiewende profitieren. Außerdem bietet die Digitalisierung im Energiebereich ein neues Feld für die Wirtschaftspolitik.

Die Förderung der Einspeisung aus Windrädern und Solaranlagen durch das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) ist nicht nur Vorbild für viele andere Länder, sondern sorgte für enorme Lerneffekte und massiven Preisverfall für erneuerbare Erzeugungskapazitäten. Mittlerweile sind neue Wind- und Solaranlagen die kostengünstigste Energiequelle und senken damit seit Jahren systematisch die Strompreise an den Strombörsen.

Den Stromverbrauchern bietet sich allerdings ein anderes Bild, nämlich seit Jahren steigende Strompreise. Erklärt werden kann das durch einen Blick auf die Zusammensetzung des Strompreises: Auf Beschaffung, Vertrieb und Marge der Stromlieferanten entfällt nicht mal mehr ein Fünftel des Gesamtpreises. Der Rest ist bestimmt durch Steuern, Abgaben und Umlagen. Mittlerweile haben die Netzentgelte die EEG-Umlage als größten Preisbestandteil abgelöst. Zurückzuführen ist dies auch darauf, dass der Ausgleich von Schwankungen und entsprechend notwendige Eingriffe in den Netzbetrieb immer weiter ansteigt - sozusagen die Gemeinkosten für die Aufrechterhaltung unseres Energiesystems.

Durch den Umbau unseres Energiesystems hin zu dezentralen Erneuerbaren Energien werden diese Aufgaben immer komplexer und die Kosten steigen. Doch mittlerweile gibt es Möglichkeiten diese Aufgaben auch so zu organisieren, dass sie besser mit einem volatilen und dezentralen Energiesystem harmonisieren. Dafür können wir uns die Digitalisierung zu Nutze machen.

 

Die Digitalisierung für die Energiewende nutzen

Von dieser digitalen Transformation könnte erstens das politische und gesellschaftliche Projekt der Energiewende profitieren. Die Digitalisierung im Strommarkt generiert eine nie dagewesene Menge von hochaufgelösten und aktuellen Daten, die eine auf volatiler Einspeisung aus Windrädern und Solaranlagen basierende Energiewelt dringend braucht, um Schwankungen auszugleichen und sich zu organisieren. Gleichzeitig fallen die durch die Datenerhebung entstehenden Technologie- und Transaktionskosten. Dadurch könnten zum einen vielfältige Kosten für den Infrastrukturbetrieb direkt und verursachergerecht, statt wie bisher über Wälzungsmechanismen oder andere Work-Arounds verteilt werden. Zum anderen könnten kleine Akteure aktiv ins energiewirtschaftliche Geschehen eingebunden werden, für die sich das bis dato nicht lohnte – allen voran Prosumer. Hilfestellung können hierbei digitale Services leisten, die mit Hilfe von künstlicher Intelligenz und einprogrammiertem Know-How über die Regeln der Energiewirtschaft ein persönliches Energie-Portfolio bewirtschaften.

Zweitens bietet die Digitalisierung im Energiebereich ein neues Feld für die Wirtschaftspolitik. Viele Innovationen in der Energiewirtschaft – ob Hardware, Service oder digitale Anwendung – finden bisher nur vereinzelt im liberalisierten Teil der Energiewirtschaft statt. Ihr volles Potenzial können sie jedoch nur dann entwickeln, wenn sie mit Netzwerkeffekten und Ökosystemen auch in anderen Bereichen agieren dürfen. Durch Digitalisierung und technologischen Wandel sind längst Möglichkeiten vorhanden, auch Aufgaben wettbewerblich zu gestalten, die heute noch der Regulierungen unterliegen – weit abseits von Infrastruktur-Privatisierung. Viele kleine Akteure könnten, zum Beispiel gesteuert durch Algorithmen, dem Netzbetreiber ihre Flexibilität zur Steuerung des Stromnetzes zur Verfügung stellen. Die Energiewende könnte damit auch in der Version 2.0 wieder zum Exportschlager werden.

 

Konkrete Potenziale benennen

 

Bei den etablierten Akteuren der Energiewirtschaft herrscht zuweilen noch Skepsis, denn Konkrete Vorschläge, wie die Digitalisierung genutzt werden kann, gibt es bisher wenige. Hier knüpft die SNV mit dem Projekt digitale Energiewende an. Sie bringt auf einer unabhängigen Plattform Expertinnen und Experten aus der Energie- und Digitalwirtschaft zusammen, um gemeinsam Lösungsvorschläge zu entwickeln, wie die Energiewende wieder zukunftsfähig gemacht werden kann.

Seit August 2016 nutzt das Projekt dafür eine Auswahl unterschiedlicher Methoden aus dem Bereich der Zukunftsforschung, um eine Plattform für diesen Dialog zu aufzubauen. In mehreren Workshops wurden gemeinsam Thesen zu den Potenzialen der Digitalisierung für die Energiewende entwickelt, diskutiert, ggf. verworfen und weiter verfeinert. Daraus haben die Arbeitsgruppen Szenarien entwickelt, in denen sie die Elemente zukünftiger Energie-Marktdesigns und deren Interaktion beschreiben. Diverse Veranstaltungen, Gespräche und Veröffentlichungen generierten fortlaufend Feedback, das in den Szenarienprozess eingebracht wurde.

Die zentralen Erkenntnisse des Projekts wurden im Policy Brief “Welche Chancen ein digitales Energie-Marktdesign bietet” im Oktober 2017 veröffentlicht.

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