Wohlstand ohne Wachstum



Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat eine neue öffentliche Debatte über das Verständnis von Wohlstand und Wachstum ausgelöst. Seit einigen Monaten nimmt dabei die Kritik an einem auf stetige Konsum- und Wachstumssteigerung gerichteten Gesellschaftsmodell zu, die mit der Forderung nach einer Neudefinition von Wohlstand verbunden wird.

Bis heute gehört das Wirtschaftswachstum zu den zentralen Glaubenssätzen moderner Marktwirtschaften und somit auch zum Leitbild der deutschen Wirtschaftspolitik.Über lange Zeit wurde dieses Versprechen überzeugend eingelöst. Der materielle Wohlstand der Bevölkerung stieg beträchtlich an. Die Fortführung dieser Entwicklung scheint jedoch zunehmend ungewiss: Knapper werdende Ressourcen, der Klimawandel, der Anstieg der Weltbevölkerung bei gleichzeitiger Alterung der Bevölkerung in den Industrienationen stellen die bisherigen ökonomischen Grundlagen einer prosperierenden Volkswirtschaft in Frage.

Während quantitatives Wachstum noch immer als Schlüssel zu weiterem Fortschritt und zur Lösung dringender Probleme – allem voran der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und der Reduzierung der Staatsverschuldung – gepriesen wird, belegt die moderne Glücksforschung, dass materieller Wohlstand als Maß dafür, wie zufrieden ein Mensch ist, viel zu kurz greift, sobald ein gewisses Existenzminimum gesichert ist. Qualitative Wohlstandssteigerung für alle, nicht materielles Wachstum, wird daher als Alternativziel einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Marktwirtschaft immer populärer. Im Gegensatz dazu ist jedoch anzumerken, dass wirtschaftliches Wachstum auch in der Zukunft von Bedeutung bleibt: als Voraussetzung zum Abbau der öffentlichen Verschuldung oder zur Finanzierung steigender Sozial- und Gesundheitskosten.

Vor dem Hintergrund der aktuellen krisenhaften Entwicklungen eröffnet sich die Chance, sich fernab ideologischer Denkschemata mit der grundlegenden Frage auseinanderzusetzen, wie in der stark industriell- und mittelstandsgetriebenen deutschen Volkswirtschaft qualitatives von quantitativem Wachstum abgegrenzt werden kann, ohne die ökonomische Prosperität unserer Gesellschaft zu gefährden. Folgende Fragen können sich hierbei stellen: Müssen wir Abstand nehmen von einem allein auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftsmodell? Müssen wir Verhaltensweisen einschränken, die allein auf die Förderung von materiellem Wachstum ausgerichtet sind? Brauchen wir neue volkswirtschaftliche Indikatoren? Von welchen Wertvorstellungen muss ein neues Wohlstandsmodell getrieben sein? Wie realistisch ist ein nationales, auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Wirtschaftsmodell in der globalisierten Weltwirtschaft und wie könnte es aussehen? Welche Auswirkungen hat ein möglicher Verzicht auf quantitativ-ökonomisches Wachstumsdenken für das übergeordnete Fortschrittsdenken unserer Gesellschaft?