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Seit Jahren wird in Deutschland immer wieder ein Mangel an politischer Führung diagnostiziert. Dieses „Führungsvakuum“ findet einerseits – wie zuletzt die Europawahl gezeigt hat – Ausdruck in stetig sinkenden Wahlbeteiligungen, andererseits in einer zunehmenden politischen Resignation und Orientierungslosigkeit bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung mit der Folge einer zunehmenden Partei- und Politikerverdrossenheit in unserem Land. Diese Zustandsbeschreibung impliziert zwei grundlegende Erkenntnisse: Erstens erinnert sie uns grundsätzlich an den Stellenwert politischer Führung in Demokratien. Zweitens zeigt sie die Notwendigkeit, sich mit dem Begriff der Führung neu auseinanderzusetzen.
Diese Auseinandersetzung kann sich in Deutschland nicht unabhängig von unserer pluralistischen Gesellschaftsstruktur vollziehen. Die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist eine demokratische und den politischen Parteien kommt eine große Bedeutung im Rahmen der politischen Willensbildung zu. In Deutschland existiert daher eine formale und institutionelle Legitimität von politischer Führerschaft, die sich maßgeblich über Parteien definiert. Diese Legitimität wird von einer Vielzahl gesellschaftspolitischer Veränderungen herausgefordert. In einer Zeit wachsender Instabilitäten steht dabei außer Frage, dass sich Führung in modernen Gesellschaften selbst verändern muss. Es ist daher besonders wichtig, dass die Bürger in Demokratien – besonders in Deutschland – mehr über das Wesen und die Grenzen der neuen Anforderungen lernen, die sich der politischen Führung stellen.
Es ergeben sich verschiedene Fragestellungen: Welche Art von neuer (politischer) Führung brauchen wir? Welche Führungskulturen und -werte herrschen in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft vor? Wie sind diese zu bewerten? Was bedeutet „Public Leadership“ im deutschen Kontext? Was verstehen wir unter „guter“ Führung? Welche Konsequenzen und Anforderungen stellen sich an das politische Führungspersonal und die politischen Parteien? Welches Verständnis und welche Akzeptanz von „Leadership“ müssen wir in Deutschland entwickeln, um Führung als gesellschaftliches Kapital im 21. Jahrhundert zu begreifen?