Brauchen wir mehr Staat - oder mehr Stifter mit Engagement für die Gesellschaft?

Was vermögen Stifter? Zum Beispiel beim Thema Bildung, das „zu den klassischen Betätigungsfeldern von Stiftungen“ gehört, wie der Bundesverband deutscher Stiftungen vermerkt. Beinahe jede fünfte dieser auf Ewigkeit angelegten Organisationen listet Bildung in ihren Satzung, insgesamt zählt sie zu den zweithäufigsten Stiftungszwecken. Viele Beobachter sehen auch auf dieser gesellschaftlichen Baustelle die große Stunde der Stiftungen gekommen, weil staatliche Einrichtungen die Missstände im Bildungswesen offenkundig nicht mehr allein beheben können. Dieses Engagement ist gut – doch die Mittel von Stiftungen sind begrenzt. Experten schätzen, dass die Summe, die alle dieser gemeinwohlorientierten Institutionen zusammen im ganzen Jahr für Vorhaben im Bildungssektor hierzulande ausgeben, vom Staat an weniger als einem einzigen Tag dort investiert wird. Generell wird die finanzielle Potenz von Stiftungen oft überschätzt. Auf gerade einmal 0,3 Prozent bezifferte die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ ihren Anteil an der Finanzierung des Dritten Sektors; der Beitrag von Stiftungen „zur Gesamtfinanzierung des Gemeinwohls liegt im nicht mehr messbaren Bereich“. Die wahre Bedeutung sei „in ihrem qualitativen Gemeinwohlbeitrag“ zu sehen.Geld ist eben nicht alles. Vielmehr kommt es auf das immaterielle Kapital an, das Menschen stiften können: Gesellschaftlicher Zusammenhalt, zwischenmenschliche Zuwendung, sich kümmern – Dinge, die zu fördern Stiftungen prädestiniert sind. Kluge Kooperationen von Staat und Zivilgesellschaft, deren vornehmste Speerspitze nun einmal die Stiftungen darstellen, sind das Gebot der Stunde. Öffentliche Stellen müssen dabei erkennen, dass bürgerschaftliches Engagement, gleich welcher Form, nicht instrumentalisiert werden darf. Das Motto „Staates Kasse leer, privates Engagement muss her“ führt in die Irre. Genauso tut auf Seite der Stiftungen die Reflexion der eigenen Rolle not, denn so ehrenvoll es sein mag, die Lücken zu füllen, die der erschöpfte Sozialstaat freimacht, so wenig kann dies zu einer langfristig gedeihlichen Kooperation führen. Zusätzlich sollten Stiftungen aktiv beantworten, wie sie ihren Einfluss legitimieren und ihr steuersparendes Gemeinnützigkeitsprivileg verdienen. Denn warum sollte die Gemeinschaft der Steuerzahler Engagement belohnen, von dem die Allgemeinheit vereinzelt kaum etwas hat?Misslicherweise wird Engagement bundespolitisch meist nur als „Schönwetter-Thema“, nicht aber als hartes Politikfeld verstanden; mehr als der Status eines Mauerblümchens wird der Zivilgesellschaft in der öffentlichen Debatte nur selten zugemessen. Dabei werden wir kaum eine der Herausforderungen, vor denen unser Land steht, ohne die Beteiligung von engagierten Bürgern bewältigen können. Insofern führt die Frage, ob unsere Gesellschaft mehr Staat oder mehr Stifter braucht, nicht weiter, denn sie legt eine Entweder-Oder-Situation nahe. Mitnichten: Das eine zu tun, muss nicht heißen, das andere zu lassen. Das Gemeinwohl befördern können beide – Staat wie Stifter.

Quelle: DIE ZEIT Stiftungsmagazin, 15. Dezember 2011

Das gesamte Stiftungsmagazin ist als pdf abrufbar unter:
http://www.tempuscorporate.zeitverlag.de/sites/default/files/Stiftungsmagazin.pdf