Stiftungen sind Anstifter und Vorbilder

 von Knut Bergmann, Fellow, Leiter des Projektes "Neue Vermörgenskultur"

Unsere freiheitliche Gesellschaft braucht ihre Stifter, nicht als Repräsentanten einer exklusiven Kultur, sondern als verantwortungsvolle und gemeinwohlorientierte Anstifter und nicht zuletzt als Vorbilder", lautete einmal in bundespräsidentiellen Worten die Zusammenfassung von Chancen und Grenzen des Stiftens. Keine Frage, die von Stiftern begründeten Organisationen sind ein wichtiger Baustein unserer Kulturnation und meist im besten Sinne Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung in unserem freiheitlich verfassten Gemeinwesen. Stiftungen stellen Ressourcen und können dabei ins Risiko gehen, sich produktive Fehler leisten, die Institutionen - deren Vertreter von Quartalszahlen oder Wählerstimmen abhängig sind - sich nicht erlauben dürfen. Die Chancen für Stifter wiederum bestehen in Ruhm und Ehre, der Möglichkeit, Bleibendes zu hinterlassen und vor allem in der Sinnstiftung, die einem zufriedenen Leben zuträglich ist.

Die Grenzen der Stifter zu benennen ist komplizierter. Verantwortungsvoll und gemeinwohlorientiert sollte nicht nur laut präsidentieller Mahnung das Engagement sein. Doch diese Maßgabe kollidiert gelegentlich mit der stifterischen Freiheit, denn nicht jeder Stiftungszweck erzeugt gleichermaßen gesellschaftliche Rendite; gelegentlich kosten philanthropische Gaben die Allgemeinheit sogar richtig Geld. Auch wenn es nicht sonderlich gern gehört wird, ist manch bildungsbürgerliches Engagement in Kunst und Kultur eine ausgesprochen exklusive Veranstaltung - in aller Regel mit dem steuersparenden Prädikat der Gemeinnützigkeit versehen, von der Allgemeinheit mitfinanziert, die davon aber kaum etwas hat.

Die deutlichste Grenze - in der öffentlichen Wahrnehmung, in der Stiftungen Konjunktur haben, gern übersehen - setzen jedoch die begrenzten Ressourcen. Die Potenz von Stiftungen wird meist weit überschätzt. Laut Berechnungen von Experten können etwa alle für den hierzulande zweithäufigsten Stiftungszweck "Bildung und Erziehung" aktiven Stiftungen zusammen im Jahr gerade die Summe aufbringen, die der Staat dort an einem einzigen Tag investiert. Ebenfalls geht die Wahrnehmung fehl, dass Stiftungen zu den "Reichen" im Lande zählen: 70 Prozent verfügen über einen Kapitalstock von weniger als einer Million Euro; bei sehr vielen beträgt er gerade mal den Minimalbetrag von 50 000 Euro. Aus den Erträgen fördern lässt sich da kaum etwas.

Es geht allerdings nicht allein um den schnöden Mammon. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass jeder Mensch über ein Vermögen verfügt und dass dieses nicht unbedingt ein materielles sein muss. Denn jeder Mensch kann als Anstifter fungieren und etwas geben - Zeit, Ideen, zwischenmenschliche Anteilnahme. Dieses Engagement zu entdecken, zu stärken und zu vermitteln, dafür können Stiftungen viel tun.

Wer das Fördern fördern will, kann etwa in die Fortbildung von Engagierten investieren und damit zu selbstverstärkenden Effekten beitragen. Unter diesem Gesichtspunkt lohnt insbesondere in sogenannten Problemvierteln die Förderung von sozialer Infrastruktur, an die einfach anzudocken ist. Mit Bürgerplattformen wie in Berlin-Wedding/Moabit lassen sich Miteinander wie Partizipation in sozial schwierigem Umfeld befördern. Selbst kleine Beträge können viel bewegen, wenn sich genügend Menschen zusammentun.

Bürgerstiftungen sind eine weitverbreitete Form der Gemeinschaftsstiftung; die in Hamburg zählt dank vieler kleiner und einiger großer Zustiftungen zu den reichsten ihrer Art im ganzen Land. Mittlerweile gibt es über 17 000 Bürgerstifter in ganz Deutschland, die mit ihrem kooperativen Engagement ein Beispiel für wirkungsvolles Stiftungshandeln geben.

Viel zu häufig besteht insbesondere bei größeren Stiftungen noch der Ehrgeiz, eigene Projekte zu initiieren; bisweilen Vorhaben, die es in gleicher oder ähnlicher Form schon von anderen gibt. Ein gemeinsames Vorgehen verschiedener Akteure mit gebündelten Ressourcen wäre wirkungsvoller, als dass jeder sein eigenes Süppchen kocht. Bliebe aus dem eingangs zitierten Satz das Stichwort Vorbilder: Transparenz ist angebracht, auch damit das gute Tun andere inspirieren kann. Wer mehr tut, als er muss, handelt vorbildlich - zum Wohl der Allgemeinheit wie des eigenen.

 Quelle: Hamburger Abendblatt, 15.11.2011