Für eine neue Vermögenskultur

von Knut Bergmann, Fellow, Leiter des Projektes "Neue Vermörgenskultur"

"Hört endlich auf, die Superreichen zu verhätscheln", fordert US-Investorenlegende Warren Buffett, einer der reichsten Menschen der Welt. "Besteuert uns!", verlangt eine Initiative von französischen Managern, und auch hierzulande können sich einige prominente Großverdiener vorstellen, mehr Steuern zu zahlen. Offenkundig hegen selbst wohlhabende Menschen Zweifel an einer gerechten Verteilung der Lasten, die den Staatshaushalten in jüngster Zeit vor allem infolge der Finanzkrise aufgebürdet wurden.

Dass es nicht gerecht ist, die Gewinne vor allem von Banken zu privatisieren, Verluste hingegen zu sozialisieren, kritisiert mittlerweile sogar das konservative Feuilleton. Hinzu kommt die wachsende Distanz zwischen Reich und Arm: Während die Realeinkommen seit Mitte der 90er-Jahre stagnierten, konnten an der Spitze der Einkommenspyramide deutliche Zuwächse erzielt werden.

Die daraus resultierende Wahrnehmung mangelnder sozialer Gerechtigkeit gefährdet das Fundament unserer Demokratie, weil die Wirtschafts- und Sozialordnung zunehmend auf Ablehnung stößt. Dazu trägt auch bei, dass die Debatte fast ausschließlich fiskalisch geführt wird. Die Frage, wie sich Menschen sonst in unser Gemeinwesen einbringen können, bleibt außen vor. So fühlen sich immer weniger Menschen verantwortlich für das Gelingen der "öffentlichen Sache", der Republik. Die Einsicht, dass es Vermögen jenseits von Materiellem gibt, könnte Abhilfe leisten.

Unser Land profitierte, wenn nicht allein monetäre Umsteuerung als Heilmittel sozialen Friedens betrachtet würde, sondern sich jeder Mensch verpflichtet fühlte, am Gemeinwesen mitzutun - mit bürgerschaftlichem oder mäzenatischem Engagement. Jeder kann etwas tun; Vermögen ist nicht nur Geld, sondern genauso Zeit, Ideen, Engagement. Und andere daran teilhaben zu lassen liegt im wohlverstandenen Eigeninteresse eines jeden. Nicht nur, weil geben glücklich macht, wie die Verhaltensökonomie nachgewiesen hat. Vielmehr existieren auch ökonomische Gründe: Wenn etwa diejenigen, die morgen als Hochqualifizierte dringend benötigt werden, heute in prekären Verhältnissen aufwachsen und als Bildungsverlierer aus dem System gedrängt werden, hat das eines Tages negative Folgen für das große Ganze. Kümmern wir uns also - als Bürgerstifter, in der Nachbarschaftshilfe oder als Bildungspate.

Es ist eben nicht nur Geld, um das es geht. Allerdings sind viele Menschen finanziell wohlhabend, ohne dass sie sich reich fühlten. Wer weiß schon, dass man mit einem Einkommen von "nur" 126 000 Euro zum einkommensstärksten Prozent der steuerzahlenden Bevölkerung gehört? Zu den Top Ten zählt man schon mit knapp 67 000 Euro. Bezieht man Pensionsanwartschaft und Beihilfeberechtigung ein, sind selbst vermeintlich einfache Oberstudienräte Gutverdiener. Reich sind nicht immer nur die anderen.

Zweifelsohne muss jeder gemäß seiner Leistungsfähigkeit besteuert werden. Über das Wie gibt es jedoch beständigen Streit in Wissenschaft und Politik. So wie die einen auf Reichen- oder Vermögenssteuern setzen, warnen die anderen, dass Kapital flüchtig ist. Außerdem zahlten die Reichsten schon die meisten Steuern.

Verlässliche Aussagen, welche reale Steuerlast die "oberen Zehntausend" schultern, gibt es jedoch kaum. Der Berliner Finanzprofessor Giacomo Corneo taxiert sie auf lediglich "etwas mehr als 30 Prozent"- was von dem unter Rot-Grün gesenkten Spitzensteuersatz weit entfernt ist. Unter anderem die vielen Ausnahmen im Steuerrecht seien dafür verantwortlich. Andere Experten meinen hingegen, dass die meisten Steuerschlupflöcher mittlerweile geschlossen seien.

Kaum jemand findet sich im Steuerdschungel zurecht, was neben schlechter Laune beim Ausfüllen der eigenen Steuererklärung den gravierenden Nachteil hat, dass die fehlende Transparenz zu Misstrauen führt - getreu dem Motto: Der Nachbar kann sich sein dickes Auto doch nur dank anrüchiger Abschreibungstricks leisten. Was am eigenen Gartenzaun noch zu verschmerzen ist, trägt in der Breite jedoch zur emotionalen Distanz zwischen "unten" und "oben" bei. Und der Eindruck einer abgehobenen Klasse, deren Angehörige sich kaum darum kümmern, wie es der breiten Masse geht, enthält mehr sozialen Sprengstoff als die tatsächliche Vermögensverteilung.

Damit sich das ändert, kann auch die Politik einiges tun. Zunächst muss der Staat Steuern, Abgaben und Zölle konsequent erheben. Laut dem Bundesministerium der Finanzen beträgt das maximale Volumen der Schattenwirtschaft beinahe 350 Mrd. Euro pro Jahr. Weiterhin könnte eine andere Justierung der Steuersätze auf Einkünfte, Verbrauch und Konsum helfen. Zu diskutieren ist vor allem die unterschiedliche Behandlung von Einkommen aus Arbeit und Kapital, die mitverantwortlich dafür ist, dass der soziale Graben tiefer wird. Zudem gilt es, die Ungleichheiten im Steuervollzug der einzelnen Bundesländer zu beseitigen. Zu guter Letzt tut mehr Transparenz not, denn nur sie lässt uns vertrauen.

Dass Vertrauen ein "Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität" (Niklas Luhmann) ist, gilt auch hinsichtlich des Steuersystems. In dessen Gerechtigkeit vertrauen zu können wäre eminent wichtig - nicht zuletzt, um freiwilliges Engagement wertzuschätzen. Warum sollte diese Kür, etwa das Errichten einer Stiftung, belobigt werden, wenn Zweifel daran bestehen, dass die Pflicht, das Zahlen von Steuern, erfüllt ist? Warren Buffett ist hier, wieder einmal, schon weiter. Er hat zugesagt, fast sein gesamtes Geld zu spenden. Sein Vermögen geht weit darüber hinaus, weil er mit seiner Gabe Vorbild ist.

Quelle: Financial Times Deutschland , 7.9.2011, S. 24